„Zwergenland“ bei den Özdemirs

Sieben Kinder, zwei „Mütter“, ein schlüssiges Konzept: In Kooperation mit der Gemeinde entstand die erste Großtagespflegestelle im Landkreis.

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Bei der Eröffnung in der Gutenbergstraße (von rechts, sitzend): Beatrice Herrmann vom Amt für Bildung, Jugend und Soziales in Lichtenstein, Bürgermeister Peter Nußbaum sowie Anne Mack  vom Tagesmütterverein Reutlingen. Das „Zwergenland“ leiten (von links) Hilal Özdemir und ihre Mutter Ayse.  Foto: 

Im „Zwergenland“ herrscht Hochbetrieb, die Kleinen fahren mit ihren Buggys umher, aus einer großen Kiste heraus holen sie ihre Matchbox-Autos fürs nächste Rennen. Und weil die kleinen Menschen dabei auch einmal so richtig müde werden, finden sich genügend Schlafplätze. Dies in einer Einrichtung, die etwas sperrig „Großtagespflegestelle“ heißt, aber mit Senioren nun wirklich nichts zu tun hat.

Die erste Einrichtung dieser Art im Landkreis Reutlingen dient dazu, den Betreuungsbedarf alternativ und ergänzend zu bestehenden Angeboten noch passgenauer abzudecken. Die Zielgruppe sind Eltern von Kindern ab der Geburt bis zu deren zehnten Lebensjahr.

„Wir leben hier in einem Großfamilienhaus“, so Ayse Özdemir, die zusammen mit ihrer Tochter Hilal die Aufgabe übernommen hat. Und es herrscht bunte Vielfalt: Die Kinder kommen aus Deutschland, Vietnam, Griechenland, Pakistan oder auch der Türkei.

16 Großtagespflegestellen soll es im Kreis Reutlingen bald geben, weiß Mathilde Allgöwer, die als Fachberaterin des Tagesmutterverein Reutlingen für den Bereich Alb zuständig ist. Mit dabei war gestern bei der offiziellen Eröffnung der Großtagespflegestelle auch die Geschäftsführerin des Tagesmuttervereins, Anne Mack, sowie Lichtensteins Bürgermeister Peter Nußbaum und Beatrice Herrmann, die das Amt für Bildung, Jugend und Soziales im Rathaus Unterhausen leitet. Die Gemeinde ist mit 200 Euro pro Monat beteiligt, dazu kommen 490 Euro monatlich als „Platzpauschale“ für die sieben kleinen Kinder, die in der Gutenbergstraße fortan von 7  bis 16.30 Uhr betreut werden. „Und wenn die Mutter oder der Vater auf dem Weg hierher einmal im Stau stehen sollten, dann geht’s halt auch einmal über 17 Uhr hinaus“, versichert Ayse Özdemir.

Als anerkannter Träger der freien Jugendhilfe ist der Tagesmutterverein vom Landkreis Reutlingen beauftragt, das gesamte Spektrum der Kindertagespflege abzudecken. Von Informationsangeboten für Eltern und Tageseltern über die Beratung, Vermittlung und den Vertragsabschluss bis zur Qualifizierung und Fortbildung bietet der Verein in seiner Geschäftsstelle in Reutlingen sowie in zwei Außenstellen im Landkreis seine Dienste an. Derzeit unterhält der Verein „TigeR“ 28 Gruppen. TigeR steht für „(Kinder)Tagespflege in anderen geeigneten Räumen“. Insgesamt sind es 1240 Kinder, die durch Tagesmütter betreut werden. Wie Geschäftsführerin Anne Mack gestern erläuterte, ist Ayse Özdemir schon seit sieben Jahren in der Kindertagespflege tätig, „und die Einrichtung hier eröffnet auch für uns eine ganz neue Perspektive“, sagte Mack.

Vor allem aber fördern die diversen Angebote eine Vielfalt an Wahlmöglichkeiten für die Eltern. Ayse und ihre Tochter Hilal Özdemir bieten im „Zwergenland“ nicht nur die Betreuung mit Anschluss an Familie und Großfamilie an. So sind sie auch feste Bezugspersonen. hinzu kommt besagte Vielfalt der Nationen und Kulturen. Im Zwergenland bekommen die Kinder frühe soziale Erfahrungen in einer Gruppe Gleichaltriger – mitsamt „Geschwistererfahrung“. Gelobt wird dabei vom Tagesmutterverein der „behütete Rahmen“ in Form der Gestaltung der Räume mit seinem eigens geschaffenen Kinderbereich (samt Ruhe- und  Schlafmöglichkeiten).

Durch die kleine Gruppe sei es möglich, noch besser auf individuelle Bedürfnisse der Buben und Mädchen einzugehen. „Regeln und Rituale“, respektvoller Umgang miteinander – und auch die Hausaufgabenbetreuung gibt es im Zwergenland Unterhausen. Die großen Zwerge, also die Schulkinder, kommen dann zumeist am Nachmittag hinzu.

Wenn das keine guten Voraussetzungen sind: Ayse Özdemir hat selbst vier Kinder und sich in acht verschiedenen Kursen qualifiziert. Sie ist eine „zertifizierte Tagesmutter“. Ihre Tochter Hilal hat sich ebenfalls durch entsprechende Lehrgänge befähigt für diesen Job.

Die konzeptionelle Besonderheit der Großtagespflegestelle resultiere aus „der Einbindung in den Lebens-, Bildungs- und Betreuungsort Privathaushalt“, betonte Anne Mack. Und ganz selbstverständlich stehe das Programm TigeR auch bereit, falls sich die beiden Unterhausener Frauen weiterbilden möchten.

Der Andrang der Eltern sei ungebrochen. Wegen der weiter voranschreitenden, zeitlichen  Flexibilisierung am Arbeitsplatz sei es wichtig, dass die Kinder – als Ergänzung zum Kita-Angebot – von Kommunen und kirchlichen Trägern auch noch das Zusatzangebot Tagesmütter bekommen, betonte Mack.

Und Ayse Özdemir sagt:„Ich liebe es, Kinder um mich herum zu haben. Mit denen kann man sich oft länger und besser unterhalten als mit manchen Erwachsenen.“

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