"Win-win", weiblicher gehts nicht

Kommunikation, Intuition, Empathie, Win-win, Entspannen, menschlich führen, sich kümmern und echt bleiben sind archetypisch weibliche Elemente, die weder Frauen noch Männer übermäßig wertschätzen.

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Das Frühstücks-Podium zu den zehnten Frauenwirtschaftstagen in Reutlingen war blendend besetzt: die Unternehmerinnen Valeria Föll, Susanne Schöpfer und Beyza Saroglu mit Moderatorin Gisela Sämann (von links).  Foto: 

Dabei wäre die Wirtschaft ohne diese Erfolgsfaktoren nur halb so lebendig. Sagen Martina Caspary, Chefin der neuen Tübinger Unternehmerinnen-Schule und ihr Mann Gerhard Gieschen, Unternehmer- und Führungskräfte-Coach. Das Frauenwirtschaftsfrühstück im Haus der VHS näherte sich der Überschrift "Erfolgreich mit Verantwortung" über ein spannend besetztes Podium mit Nach-Gender-Erkenntnissen.

"Jede, die hier sitzt, hat einen ordentlichen Krieger in sich", sagt Martina Caspary. Dabei hört sie in der Beratungspraxis immer wieder den verzweifelten Satz: "Ich spüre mich nicht mehr." Was sie zu der Frage führt: "Wie schaffe ich es, mich selbst und nicht den besseren Mann in mir zu kultivieren?" Kein Thema, das "nur" Frauen angeht: "Auch Männer spüren, dass ihre weiblichen Werte unterrepräsentiert sind und nicht geschätzt werden. Die Sehnsucht danach ist extrem stark." Erfolgreich werden und trotzdem Frau bleiben, sei in einer männlich dominierten Wirtschaft ein brisantes Thema: "Weil immer mehr Frauen erfolgreich werden".

Die gute Nachricht: Einer Studie der KfW-Bank zufolge war der Anteil der Firmengründerinnen noch nie so groß wie 2013, nämlich 43 Prozent. Der Wermutstropfen: Etwa ein Drittel davon gründen aus der Not heraus. Und: Wer sich als Frau selbständig macht, ist entweder überzeugter Single oder zerrissen zwischen Business, Tagesmutter und dem Wunsch, seine Kinder aufwachsen zu sehen. Auch diese These stimmt: "Wer zwei Kinder hat, kann sowieso organisieren."

Die Reutlingerin Beyza Saroglu war 23 Jahre alt, ohne finanziellen Rückhalt und kaum Erfahrung, als sie bei der IHK Reutlingen mit der Idee in der Tür stand, eine Fahrschule für Menschen mit Migrationshintergrund aufzumachen. "Die 18-Jährigen sind das Sahnehäubchen. Das kann jeder", sagt sie. Ihre Klienten sind "der Pakistani" und "der Araber", die kaum Deutsch verstehen. Denen zeichnet sie mitten auf der Kreuzung oder mit Händen und Füßen auf, warum Rechtsabbiegen geht, obwohl geradeaus rot ist.

Die 50-jährige türkische Hausfrau, die sich von ihren Kindern das Lesen und Schreiben beibringen lässt, damit sie in Deutschland wenigstens eines erreicht: den Führerschein. Das dauert Monate, halbe Jahre. Man wird Familie, zur Tochter, ist zum Schreien gestresst. Wenn die gelernte Industriemechanikerin sich entscheiden müssste, würde sie "bei Bosch den Boden lecken" für Urlaub, Weihnachtsgeld, bezahlte Krankheitstage und ein festes Gehalt. "Trommeln ist schön", sagt ein türkisches Sprichwort, "aber nur, wenn du nicht in der Trommel sitzt".

Erst hat sie nur Bücher geschrieben und doziert, die beiden Kinder ins Seminar einfach mit auf Tour genommen. Bei der zweiten Existenzgründung gings dann richtig um Geld: Valeria Föll wollte Müttern mit Kleinkindern nicht nur eine hochwertige bioregionale Alternative zu herkömmlichen Babybreien bieten, sondern sie auch selbst herstellen. Rein argumentativ gabs dafür bei potenziellen Geldgebern nur ein Schulterzucken.

Also hat die Jungunternehmerin aus Grosselfingen eine Auswahl gängiger Konserven auf den Verhandlungstisch gestellt und aufgefordert zu essen. "Was Neues gibts nur alle halbe Jahre." Erst das ging in die Köpfe rein. Dann lernte sie Geduld: "Je höher die Investitionssumme, desto mehr Faktoren hängen damit zusammen. Andere Menschen brauchen Zeit, um Entscheidungen zu treffen." Eins steht für sie fest: "Es ist wichtig zu wissen, dass man nicht alles selbst kann. Aus Enttäuschungen lerne ich am meisten."

"Das kenne ich gut", nickt die geschäftsführende Gesellschafterin der Reutlinger Schöpfer Druck- und Werbetechnik, Susanne Schöpfer, "die Klausur, in die man mit sich selbst geht, ist sehr schöpferisch". Die gestandene Unternehmerin in dritter Generation weiß nach 40 Jahren besser denn je, dass sie das wollte: "Sich treu und authentisch bleiben, stark und mutig sein. Der Preis, nicht mehr Frau sein zu dürfen, wäre mir zu hoch gewesen."

Schöpfer: "Der Augenblick, wenn man einen Kunden geknackt hat, Vertrauen entsteht, davon lebt die Seele. Deshalb bin ich Unternehmerin." Dafür gewöhnt man sich ans Last-Minute-Geschäft. Daran, "Mitarbeitern zu vertrauen, einen anderen Weg zuzulassen" und seinem Bauchgefühl zu folgen: "Wir kennen unsere Aufgaben und Visionen selbst am besten. Bei einer Zweitberatung kommen oft ganz konträre Wege heraus.". Dass "Handeln Konsequenzen hat", haben ihre Töchter in der Spielstube im Betrieb gelernt. Ergebnis: "Meine beiden Töchter sind starke Frauen geworden."

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