„Umbau tut halt auch weh!“

Auf Stippvisite besuchte gestern Mittag der  neue Landesminister für Soziales und Integration, Manne Lucha, das Mütter- und Nachbarschaftszentrum.

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„Wir wollen uns die Dinge anschauen, die wir fördern, und den Bedarf feststellen“, sagte gestern Mittag der neue Landesminister für Soziales und Integration, der Grünen-MdL Manfred „Manne“ Lucha, bei der Besichtigung der Baustelle des Mütter- und Nachbarschaftszentrums in der Metzgerstraße 15. Das Zentrum ist seit 27 Jahren in dem Privathaus untergebracht, „dessen Besitzer uns wohlgesonnen ist“, und das gerade an Boden, Wänden und bei der Installation aufegmöbelt wird, berichtete Vorstandsfrau Bettina Noack dem Minister und der Medienmeute. Noack ist die Einrichtung von Beginn an eine Herzensangelegenheit. Auf Landesebene gehört sie zu den Gründungsmitgliedern des Mütterforums Baden-Württemberg, dessen Ehrenvorsitzende sie ist.

Das Reutlinger Zentrum, eines von 50 im Land, sei ein ganz besonderes, lobt Andrea Laux, Mütterforums-Mitgründerin und Mitglied der Geschäftsführung dieses Verbands der unabhängigen Mütterzentren, Familienzentren und Mehrgenerationenhäuser. Das Mütter- und Nachbarschaftszentrum biete „Teilhabe für Menschen, die sonst so nicht auftauchen“, so Laux, es ist damit „ein altes Haus mit einem kaum zu beschreibenden Reichtum“.

Bereits vor zehn Jahren übernahm die Einrichtung das Asylcafé von der Kirche, jeden Donnerstag treffen sich hier 60 bis 70 Menschen, „wir brauchen dringend das Café für Beratung und Begegnung“, sagt Laux.

Außerdem beherbergt das Haus zwei Krippengruppen, über die städtischen Zuschüsse dafür wird ein Teil des Hauses finanziert. Ein Teil der Arbeit aber, so macht Laux auf Nachfrage des Ministers klar, „wird nicht von der Kommune gefördert“.

An dieser Stelle hatte Bettina Noack auch eine Forderung – erstmals übrigens, wie Laux anmerkte – an den Minister: „Seit 30 Jahren kommt das Zentrum ohne feste Stelle aus.“ Ein ganzes Team Ehrenamtlicher kompensiert das, doch es werde immer schwieriger, das ganze Spektrum des Angebots abzudecken, beklagen die beiden Aktiven.

Wegen des Umbaus setzten die Vertreterinnen des Mütterforums und lokaler Familienzentren im Garten von Anja Wesselmann das Gespräch mit dem Minister fort – und führen schweres Material auf: Den mehrere Pfund schweren Armuts- und Reichtumsbericht des Landes als Basis ihrer Arbeit. „Wir sind keine Sozialromantiker, gleichwohl wissen wir, dass Menschen familiäre Kontakte und Freundschaften ebenso brauchen wie ein materielles Auskommen“, leitete Anja Laux die Runde ein. Und „uns ist es ein Herzensanliegen, in einer Gesellschaft zu leben, die Menschen um ihrer Menschlichkeit anerkennt und nicht nur wegen ihrer ‚Kompetenzen’“.

Damit stieß sie bei Manfred Lucha auf offene Ohren, denn der Grünen-Politiker verfügt über eigene Erfahrungen in der Betreuung und hat selber als Vater in Ravensburg einen solchen Verein „ohne Familienzentrum zu sein“, aktiv mit aufgebaut. Er setzt sich deshalb für „offene Häuser mit vielen Funktionen  und flexiblem Betrieb“ ein, bei denen die Politik den ordnungspolitischen Rahmen setzt und so eine freiheitliche Entwicklung ermöglicht.

Deshalb werde auch beim „Ideenwettbewerb für Strategien gegen Armut“ das Projekt „Ein gedeckter Tisch für alle“ der Zentren in Reutlingen und Tübingen  gefördert. Der „gedeckte Tisch“ soll Grenzen überwinden, kulturelle wie soziale, Berührungsängste abbauen zwischen Fremden und Nachbarn, zwischen Menschen unterschiedlicher Herkunft und zwischen Bürgern, die finanziell unterschiedlich gestellt sind“, erläuterte Andrea Laux.

In Reutlingen wird das Mütter- und Nachbarschaftszentrum dabei ab Herbst drei Festessen ausrichten, die ganz unterschiedliche Gruppierungen an einen Tisch und damit in Kontaktbringen soll.

Bei allem Lob für die Mitglieder des Mütterforums, die „aus Betroffenen Beteiligte machen und Experten in eigener Sache sind“, so Lucha, müssen die Sozialsysteme umgebaut werden, weil 800 Millionen Euro eingespart werden müssen – quer durch alle Ressorts. „Dazu brauchen wir Argumentationshilfe in Zeiten knapper Mittel“, machte er klar. „Dieser Umbau tut auch weh“, prophezeite da Andrea Laux schon mal düster.

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