„Saurer Spitz“ als Millionengrab

Die bei der Erweiterung der Erddeponie ,,Saurer Spitz“ nicht genehmigt verwendeten rund 25 000 Tonnen Schlacke müssen wieder ausgebaut werden.

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  • Die Schlacke auf der Erddeponie wird zu Häufen zusammengeschoben, um möglichst wenig belastetes Wasser versickern zu lassen. 1/2
    Die Schlacke auf der Erddeponie wird zu Häufen zusammengeschoben, um möglichst wenig belastetes Wasser versickern zu lassen. Foto: 
  • Nach dem Unwetter Ende Juni musste das Auffangbecken für Sickerwasser laufend abgepumpt und das kontaminierte Wasser entsorgt werden. 2/2
    Nach dem Unwetter Ende Juni musste das Auffangbecken für Sickerwasser laufend abgepumpt und das kontaminierte Wasser entsorgt werden. Foto: 
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2008 war die Erddeponie „Saurer Spitz“ voll und wurde geschlossen. Im Laufe der Jahre auf die Erweiterung Süd festgelegt, sollte die in einem Waldgebiet von sechs Hektar Platz für drei Millionen Kubikmeter Erdaushub Platz bieten. Ausgelegt auf 20 Jahre. Träger der Deponieerweiterung sind die Technischen Betriebsdienste Reutlingen (TBR).

 Als die Rodungen abgeschlossen waren, wurden die öffentlich ausgeschriebenen Erd- und Drainagearbeiten durch das von der Stadt auch mit der Bauleitung beauftragte Pfullinger Ingenieurbüro Reik an die Herrenberger Firma Karl Roth zum Preis von 1,06 Millionen Euro vergeben. Die Arbeiten gingen zügig voran, bis die Stadt am 1. Oktober einen sofortigen Baustopp verhängte.

Nach einem Verkehrsunfall auf der Gönninger Landstraße am 30. September, als ein Sattelschlepper umgekippt war, lag  Schlacke auf der Fahrbahn. Beim Kreis-Umweltschutzamt stutzig geworden, stellten dessen Experten bei einer spontanen Begehung der Baustelle fest, dass für die 40 Zentimeter starke Drain- und Entwässerungsschicht auf rund vier Hektar Fläche bereits solche Schlacke eingebaut worden war. In der Summe rund 25 000 Tonnen. Die aber waren weder genehmigt noch auf Schadstoffe hin geprüft. Von ihrer Stabilität über Jahrzehnte hinweg gesehen ist die Schlacke ohnehin völlig ungeeignet.

Vorgesehen, ausgeschrieben und genehmigt war Granitschotter aus dem Schwarzwald. Kostenpunkt nahezu zwei Millionen Euro. „Die Funktionserfüllung der Entwässerungsschicht muss für alle äußeren Einwirkungen von mindestens 100 Jahren nachgewiesen werden“, sagte dazu Andreas Neft, Technischer Leiter des Umweltschutzamtes.

Die angelieferte Brennofenschlacke aus Burgau bei Günzburg wurde eingebracht, ohne dass sie von den Hauptakteuren – das beauftragte Ingenieur-Büro und die TBR als Bauherrin – detailliert geprüft worden wäre. Dem Vernehmen nach soll für die Schlacke keine Unbedenklichkeitsbescheinigung vorgelegen haben. „Nur mündlich“, war dazu aus gut unterrichteter Quelle zu hören.

Nach Bekanntwerden des Desaster musste, um das Abfließen von eventuell schadstoffbelastetem Wasser in den Breitenbach und die Seen im Markwasen zu verhindern, rasch gehandelt werden. „Wir haben getan, was möglich war, von Anfang an“, betont Hans Fröb, Chef der Technischer Betriebsdienste (TBR). Seither wird aus einem Sammelbecken am Fuße der Erweiterung heraus nahezu rund um die Uhr Sickerwasser abgepumpt und über 1,2 Kilometer Druck- und Entwässerungsrohre durch den Wasenwald in Richtung Klärwerk abgeleitet.

Ein kostspieliges Unterfangen, bedenkt man, dass zumindest nach dem Starkregen am 5. Juni und zuletzt auch nach dem Unwetter vom 24. Juni zwei Tankfahrzeuge mit je 12 000 Liter Inhalt auch „die ganze Nacht hindurch“ eingesetzt werden mussten. Das Überlaufen des Wasser-Rückhaltebeckens galt es mit aller Macht zu verhindern. Ausspülungen am angrenzenden geschotterten Weg und an der Böschungskrone lassen aber  darauf schließen, dass dennoch Sickerwasser übergelaufen ist.

Seit dem Unwetter staut man nun das Wasser in die mit Schlacke und Geo-Textil bedeckte Fläche zurück. Damit kontrolliert man den Zufluss in das Sammelbecken in dem Umfang, dass es die Pumpe alleine und ohne Tankwagen schafft und ein Überlaufen in Richtung Breitenbach verhindert wird.

Nach nunmehr acht Monaten Baustopp ist noch immer vieles in der Schwebe. Klar ist nur, dass die gesamte Schlacke als Folge ihrer Instabilität höchst kostenaufwendig ausgebaut werden muss und dass sie „in gewissem Umfang“ Schwermetalle beinhaltet. Das aber sei, so hört man seit längerer Zeit, „jenseits von Gut und Böse“. Überschreitet die Belastung ein bestimmtes Maß, so würde die Schlacke als Sondermüll gelten und müsste zu einer speziellen Deponie abgefahren werden. Nachdem hierfür pro Tonne 500 bis 650 Euro zu Buche schlagen, wäre dann allein dafür mit Gebühren in Höhe von rund 15 Millionen Euro zu rechnen. So oder so eine extrem teure Angelegenheit, zumal schon rund 15 000 der etwa 45 000 Quadratmeter eingebauten Schlacke mit einem Geo-Textil als Filter abgedeckt sind. Rund 2000 Quadratmeter davon sind bereits mit einer Lage Erdaushub bedeckt. Ist die gesamte Schlacke irgendwann einmal entfernt, geht das Ganze von vorne los –- nur diesmal mit viel teurerem Granitschotter als Drain- und Entwässerungsschicht.

Was die Entsorgung der Schlacke anbelangt, gibt es für Fröb drei Varianten: „Das Belassen der Schlacke ist tot, sie könnte aber gemäß einem Angebot der Firma Roth für 1,4 Millionen Euro zu einer entfernteren anderen Deponie abgefahren werden oder sie wird als Trag- und Ausgleichsschicht zwischen alter und neuer Deponie verwendet“. Dann aber zusätzlich mit einer stabilen Lehmschicht, die das Eindringen von Wasser verhindert, als Abdichtung.

Im Landratsamt wartet man jetzt darauf, dass die Stadt für die Verwendung ein Konzept vorlegt. Das Umweltschutzamt würde dann „intensiv prüfen“, so  Technischer Leiter Andreas Neft. Als oberste Fachbehörde ist dabei die Landesanstalt für Umwelt, Messungen und Natur (LUBW) ebenso eingeschaltet, wie das Regierungspräsidium als Aufsichtsbehörde. Derweil steht die Verwendung der Schlacke noch in den Sternen. „Es ist wichtig, eine saubere Lösung zu finden, bei der alle Belange der Umwelt berücksichtigt sind“, macht Neft deutlich.

Wann feststeht, wer das Ganze versemmelt hat und letztlich für die vielen Millionen Euro als finanzielle Konsequenz zur Rechenschaft gezogen werden kann, das ist weiterhin völlig unklar. „Die Stadt sieht die Verantwortlichkeit nicht bei sich, sondern bei den beteiligten Parteien“, sagt Fröb und meint damit das beauftragte Planungsbüro und das die Erd- und Entwässerungsarbeiten ausführende Erdbauunternehmen.

Aktuell ist man am „Sauren Spitz“ dabei, die Schlacke auf  Haufen zu schieben und damit die Flächen, von denen aus belastetes Wasser in das Sammelbecken abfließt, deutlich zu reduzieren. Von noch freien Flächen aus –  die würden dann mehr werden –  gelangt das Wasser nach wie vor in Richtung Breitenbach.

Für Fröb geht es jetzt in erster Linie nicht um den kommenden Rechsstreit, sondern um eine „Lösungsfindung“, damit die Erddeponie so schnell wie möglich wieder in Betrieb gehen kann. „Schließlich haben wir eine Entsorgungspflicht.“

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