"Möge ihm der Finger abfallen"

Drei Rauschgiftermittler wurden via Facebook beleidigt. Ein 21-Jähriger sollte der Verfasser sein. Doch das konnte das Amtsgericht am Freitag, dem 13., nicht nachweisen. Das Urteil deshalb: Freispruch.

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Früher, ja früher - da kreisten noch die Poesiealben durch die Klassenzimmer. Und damals waren die Namen der Eigentümer fein säuberlich eingetragen, so dass es nicht den geringsten Zweifel daran gab, wem das oft mit Herzen oder Schleifchen eingebundene Werk gehörte.

In Zeiten sozialer Netzwerke im Internet und vor allem Facebook lässt sich das hingegen nicht mehr so einfach feststellen. Einem 21-jährigen Reutlinger hätte ein Account bei der großen Datenkrake am Freitag jedoch fast eine Verurteilung wegen Beleidigung von drei Polizeibeamten eingehandelt. Die Beweislage war letztlich aber so dünn, dass am Ende nur ein Freispruch in Frage kam.

Doch was war geschehen? Vergangenen Herbst entdeckten Reutlinger Polizisten einen Facebook-Eintrag, der drei ihrer Kollegen ordentlich verunglimpfte. Ein Bild von Chuck Norris war zu sehen, die drei Namen der Rauschgiftermittler sowie der Schriftzug "Fucking Loser" - was ungefähr mit "elende Versager" zu übersetzen ist.

Nachdem das schon für ordentlich Zähneknirschen bei der Polizei gesorgt hatte, schoss ein weiterer Eintrag einige Wochen später den Vogel ab. Wieder erschien der Name der drei Zivilbeamten. Dieses Mal aber im deftigen Zusammenhang. Wurde doch die Frage in dem Internetforum aufgeworfen, ob sie zu durchsuchende Personen "wieder mal an den Hoden herumgekrault" hätten?

Vor allem den Kollegen der drei Ermittler ging das zu weit. Denn wie die Verunglimpften gestern im Zeugenstand aussagten, seien sie nicht selbst auf den Eintrag gestoßen, sondern hätten diese mitgeteilt bekommen. Und obwohl sie selbst außerhalb ihres Dienstes oder im privaten Umfeld nicht darauf angesprochen worden seien, sprach sich einer der Beamten für einen Täter-Opfer-Ausgleich aus.

Nur wie sollte es zu einer Verurteilung kommen, wenn nicht klar war, wer den Account eröffnet, geführt und ihn mit verschiedenen Einträgen gefüllt hat? Zwar stand fest, dass der Angeklagte im Jugendzentrum Zelle und auch politisch aktiv ist. Doch allein das Foto, das von ihm auf der Facebook-Seite prangte, reichte nicht aus, um eindeutig festzustellen, dass er auch der Verantwortliche für das Konto sowie die Einträge war.

Um das zu beweisen wäre nämlich weit mehr erforderlich gewesen, musste gestern deshalb auch Amtsrichter Sierk Hamann einsehen. Der Polizist, der die Beleidigungen bearbeitete, hatte letztlich aber zu wenig in der Hand, um zweifelsfrei den Angeklagten zu belasten. Zumal der betreffende Facebook-Account zwischenzeitlich gelöscht ist und das Unternehmen keinerlei Daten herausgibt, die vielleicht noch zu dem Reutlinger führen könnten.

Weil die Verhandlung am Freitag außerdem vom alles andere als guten Verhältnis zwischen Polizei und dem soziokulturellen Jugendzentrum Zelle zeugte und der Angeklagte schwieg, wollte der nicht auf einen vermeintlichen Gütevorschlag von Richter Hamann eingehen: "50 Euro als Spende an die Polizeikasse" hatte der nämlich vorgeschlagen. Dann hätte es ein "Schwamm-drüber" und die Einstellung des Verfahrens gegeben.

Dumm nur, dass ein Angeklagter bei der Einstellung eines Verfahrens die eigenen Anwaltskosten tragen muss. Der junge Mann beharrte deshalb auf einem Urteilsspruch. Und da blieb Staatsanwältin Natalia Gertner aufgrund der dünnen Beweislage nur übrig, auf Freispruch zu plädieren.

Da sich letztlich nicht klären lässt, wer für die Beleidigung verantwortlich war, blieb Sierk Hamann ebenfalls nur ein symbolischer Abschluss der Verhandlung und er erklärte: "Wer es ins Netz gestellt hat, dem soll beim nächsten Mal der Finger abfallen."

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