"Liebe Mitchristen, liebe Moslems"

"Die Sprachschwierigkeiten des Herzens und der Lippen führen zu großen Missverständnissen", sagt Pfarrer Thomas Henning vom Arbeitskreis Asyl. Helmut Trömel: "Aus euren Gesichtern sieht mich Jesus an."

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Seit beinahe hundert Jahren findet weltweit am 19. Januar der "Tag des Flüchtlings" statt zur Erinnerung an die Schicksale der vielen Vertriebenen und Heimatlosen des Ersten Weltkriegs. "Die Thematik ist präsenter denn je, unter dem Eindruck der Ereignisse von Paris", sagt Corina Müller, Pastoralassistentin der katholischen Seelsorgeeinheit Echaztal.

Zusammen mit einem ökumenischen Team von 20 Mitarbeitern und Engagierten aus dem Arbeitskreis Asyl Lichtenstein hatte sie in der Bruder-Konrad-Kirche einen Tag der Begegnung mit den Flüchtlingen aus der Staufenburg organisiert und unerwartet einen Meilenstein gesetzt: "Weltweite Ökumene - immer wieder und immer öfter, in Lichtenstein sowieso. Ich würde mich freuen, wenn das ein Stück Programm würde", fasste es Pfarrer Thomas Henning von der evangelischen Gesamtkirchengemeinde Unterhausen-Honau zusammen.

Für die ungewöhnlich deutliche, eindrückliche und wirklichkeitsnahe Predigt von Pfarrer i.R. Helmut Trömel gab es von den Gottesdienstbesuchern, die sich im Kirchenschiff drängten, stehende Ovationen. Zum miteinander statt übereinander reden im 20 Jahre alten Gemeindehaus gab es später schwäbische und selbst gekochte fremdländische Spezialitäten, kleine Hilfsaktionen und Tanz. Der AK Asyl Lichtenstein stellte seine Arbeit vor.

Ein denkwürdiger Tag in einer bewegenden Atmosphäre. Im Chorraum der katholischen Bruder-Konrad-Kirche saßen Trommler mit ihren Instrumenten. Sie stammen hauptsächlich aus Togo. Unter die Kirchgänger hatten sich wie selbstverständlich Flüchtlinge aus Gambia, Nigeria, dem Iran und Sri Lanka gemischt. Der Singkreis der Methodistischen Kirche, Manuela Eiche an der Bratsche und Raphael Fritsch am E-Piano, begleiteten die weltbunte Liturgie, die teils zweisprachig gehalten wurde und unter anderem mit dem Protestlied der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung ("We Shall Overcome") und dem Friedensgebet des Weltkonzils der Christen in Seoul 1990 unterlegt war. Schon vor 15 Jahren hatten Christen starke Worte gefunden: "Ich glaube nicht an das Recht des Stärkeren und der Waffen. Ich glaube nicht, dass Kriege unvermeidbar sind, dass Frieden unerreichbar ist. Ich glaube, dass Gott für die Welt eine Ordnung will, die auf Gerechtigkeit und Liebe gründet." Ein Thema, das auch Matthäus im ersten Buch des Neuen Testaments beschäftigte: "Selig, die keine Gewalt anwenden, die Frieden stiften und um der Gerechtigkeit Willen verfolgt werden."

"An den Grenzen zur Europäischen Union sterben täglich Flüchtlinge, die der aussichtslosen Situation in ihrer Heimat entfliehen wollen", führte Pfarrer Henning vom Asylkreis vor Augen, "wir tun uns schwer damit, angemessen auf die Situation im Nahen Osten zu reagieren. Flüchtlinge und Zuwanderer werden oft ausgegrenzt. Sie finden nur schwer Zugang zur neuen Heimat. Sie dürfen nicht arbeiten. In unserem Land werden immer noch rassistische Parolen gerufen. Wir sind immer noch zu gleichgültig."

"Liebe Mitchristen und liebe Moslems", begrüßte Thomas Trömel, evangelischer Pfarrer im Ruhestand, seine Gemeinde am "Tag der Flüchtlinge" zur Predigt und holte sich unerwartet eine ganze Reihe Schwarzafrikaner von der Staufenburg zur Kanzel: "Ich heiße Helmut, bin 82 Jahre alt und bei Euch Lehrer für Deutsch - und wer sind Sie?" Der 24-jährige Amadou stellte sich überrumpelt als Lehrer für Arabisch aus Gambia vor. "Wir sind so schwer von Begriff", protestierte Trömel, "mich schaut aus jedem dieser jungen Freunde Jesus selbst an". Und der frage ganz einfach: "Ist es dir egal, wie es mir in der Staufenburg gerade geht? Hast du überhaupt mit mir geredet? Bangst du mit mir, ob ich bleiben darf oder abgeschoben werde?"

"Es ist in Unterhausen auch schon geschehen, dass jemand für diese Menschen gebürgt hat", sagt Trömel. Für den Sohn eines Oppositionellen, der von einem machthungrigen Präsidenten aus fadenscheinigen Gründen ins Gefängnis geworfen wurde. Einem anderen, der ihm zu gefährlich wurde. Menschen, die "wegen ihrer politischen Gesinnung, ihres Glaubens oder ihrer Hautfarbe verfolgt werden. Traumatisierte, unbegleitete Kinder und Flüchtlinge, deren Heimat verloren geht". Die Fürbitten der Gemeinde galten am "Tag der Flüchtlinge" auch denen, "die aus Angst vor Überfremdung gar nicht mitbekommen, wie wundervoll Vielfalt sein kann und allen, die sich gegen ein friedliches Miteinander stemmen". Ein beispielloser Tag mit einer denkwürdigen Predigt!

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