"Ich gehe mit Wehmut"

Er ist der erste und bisher einzige Rechtsamtsleiter, den die Stadt Reutlingen je hatte. Ende des Monats geht der 64-jährige Dr. Hans-Ulrich Stühler in den Ruhestand. Kurz zuvor sprachen wir mit dem Juristen.

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Rechtsamtsleiter Dr. Hans-Ulrich Stühler in seinem Dienstzimmer im Rathaus, davor ein Bild der Töchter Viktoria und Claudia.  Foto: 

"Berliner Schnauze" im Schwabenland, kann das gut gehen? Es kann. Schließlich hat Hans-Ulrich Stühler mit Marliese eine Landwirtstochter aus Großengstingen geheiratet und die "Mentalität schätzen gelernt". Der 64-Jährige hat sich rasch akklimatisiert, nur das Wasser fehlt ihm, da er doch früher auf den Berliner Seen gerne gepaddelt ist. Schwäbisch schwätzt er auch nach 35 Jahren Reutlingen nicht. Die beiden Töchter Viktoria und Claudia (Medizinerin und Juristin) hingegen schwäbeln schon, aber sie berlinern oder sprechen auch Hochdeutsch.

Der Rechtsamtsleiter hat drei Oberbürgermeister erlebt, wobei er über Manfred Oechsle sagt: "Ein Philosoph und politischer Denker auf dem OB-Sessel." Stühler traf 1979 auf eine von Oskar Kalbfell geprägte Verwaltung, die "eingefahren" war, galt als CDU-Mann und hatte die Aufgabe, "den Saustall auszumisten". Die ihm nachgesagte Akademiker-Arroganz löste sich rasch, als er mit den Amtsleitern die Probleme gemeinsam löste, ins Juristendeutsch übersetzte und die Fälle dann Oechsle vorlegte, der sie dann auch akzeptierte.

Stühler vertrat die Stadt vor Gericht: Etwa 1500 Prozesse vor dem Sigmaringer Verwaltungsgericht, 600 vor dem Verwaltungsgerichtshof Mannheim, etliche Eilverfahren und Prozesse vor Sozialgerichten - in völlig unterschiedlichen Bereichen. Legendär ist bereits die Geschichte mit dem verhinderten Freudenhaus. "Preuße" Stühler wurde bald Fachmann - obwohl er "nur drei Mal dienstlich" in Bordellen war. Da gab es einen Vor-Ort-Termin in einem Mischgebiet. Der städtische Justiziar konnte die Verwaltungsrichter davon überzeugen, dass hier von den Damen des horizontalen Gewerbes keineswegs nur Wohnungsprostitution ausgeübt wird. Die Stadt gewann in erster und zweiter Instanz den Bordell-Prozess. Heute gibt es lediglich drei genehmigte Bordelle in der Stadt.

Stühler entwickelte sich nicht nur zum Prostitutions-Experten, sondern auch als Spezialist in Sachen Spielhallen - respektive der Verhinderung derselben. Was vor 30 Jahren noch eine Herkulesaufgabe war, ist heute strikt geregelt. Eine Erlaubnis wird nicht erteilt, wenn sich im Radius von 500 Metern eine Jugendeinrichtung befindet. Baden-Württemberg, so Stühler, habe "die schärfste Regelung".

Und dann wäre da noch die Geschichte mit Dieter Winko, dem früheren SSV-Präsidenten. "Ich gehörte nicht zu den Entscheidungsträgern", sagt Stühler, aber in Reutlingen habe damals so etwas wie "Champions-League-Stimmung" geherrscht. Der politisch gut vernetzte Winko habe beim anstehenden Kreuzeiche-Tribünenneubau die Verwaltung "wie ein Kamel durch die Manege" geführt.

Geärgert hat er sich, als bei der entscheidenden Gemeinderatssitzung von den zehn maßgeblichen Schriftstücken lediglich die sieben harmlosen, nicht aber die brisanten drei anderen gezeigt wurden, aus denen sich letztlich das Strafprozessverfahren entwickelt hat. Und es wurde mit zweierlei Maß gemessen. Den Kickern wurde großzügig das Geld gewährt, während die darbenden Tischtennis-Frauen des TSV Betzingen keine Bürgschaft erhielten und aus der Ersten Liga absteigen mussten. Mit einer Zahl verdeutlicht Stühler, was seinerzeit für riesige Summen beim Fußball im Spiel waren: "Das Gehalt des SSV-Torwarts war etwa so hoch wie der Jahresetat der Tonne."

Stühler, nicht der typische Verwaltungsjurist, räumt ein, dass er nach 35 Jahren "erleichtert" ist, aber auch "mit sehr viel Wehmut" gehe. Die typische Amtsleiterverabschiedung im Rathaus-Foyer ("kühl, zugig") wollte er nicht. Er feierte stattdessen am Dienstag im VHS-Bistro, praktisch der "städtischen Kantine" mit allen, die auch sonst gekommen wären - nicht nur Juristen. Stolz ist er auf folgende Tatsache: "Ich bin das einzige Amt, das in 35 Jahren nicht gewachsen ist."

Von der Spree an die Echaz

Hans-Ulrich Stühler wurde am 14. September 1950 in Berlin-Köpenick als Sohn eines Finanzbeamten geboren. Er studierte in Tübingen Rechtswissenschaften und machte bei dem von ihm hoch geschätzten Professor Dr. Josef Esser seinen Doktor. Statt einer Karriere an der Universität bewarb er sich 1979 auf die neu geschaffene Stelle des Rechtsamts der Stadt Reutlingen. Damals hieß es in unserer Zeitung: "In einer Kampfabstimmung im Gemeinderat, in der der parteilose Dr. Stühler von der Mehrheit des Gremiums dem einzigen ernsthaften Mitbewerber, einem der SPD nahestehenden Kandidaten, vorgezogen wurde". Seitdem ist Stühler Justiziar der Stadt Reutlingen und geht Ende des Monats nach 35 Jahren juristischer Tätigkeit im prallen Leben in den verdienten Ruhestand.

PAN

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