"Heiliger Krieg" und Kommerz am Gartenzaun

Begeistert vom Rummel um die "Madonna" war das Publikum beim Stück der "Mixed Pickles": Aus kruden Heilserwartungen wird kommerzieller Hype.

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  • Gierig auf den Baum im Garten von Vera Habicht (links) starren die Anwohner von Küssendorf. Fotos: Jürgen Herdin 1/2
    Gierig auf den Baum im Garten von Vera Habicht (links) starren die Anwohner von Küssendorf. Fotos: Jürgen Herdin
  • Die Journalistin (links) und Frau Siebenschneck sind im Madonnenrausch. 2/2
    Die Journalistin (links) und Frau Siebenschneck sind im Madonnenrausch.
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Ein Baum wird vom Blitz getroffen, ein dicker Ast fällt ab - aufs Nachbargrundstück. Dessen durchgeknallte Besitzerin entdeckt in der so amputierten Buche eine heilsbringende Madonna, der sie fortan auf bigotte Weise huldigt.

Wobei ein gesamtes Dorf diesem Hype verfällt - mit bösen Folgen, resultierend aus religiösem Fanatismus und reiner Profitgier. Am Ende herrscht die pure Zwietracht. Das hört sich ernst an, wurde jedoch von "Mixed Pickles" in der Schlossschule auf höchst vergnügliche Weise dargeboten. Man muss nur lange genau auf ein Objekt schauen - und schon wird es zu einer Besonderheit. Fast wie im richtigen Leben, wird sich auch der Autor des äußerst selten gespielten Stücks gedacht haben. Denn so kanns passieren, dass in einer zuvor vom Blitz getroffenen Buche in den Wirrköpfen von Betrachtern eine Madonna erkannt wird. Und schon eskaliert der Streit.

Der "Tatort Garten", so nennt das Generationentheater Mixed Pickles jedenfalls seine Adaptation. Der Autor des Stücks, Herbert Rosendorfer (1934 bis 2012), hatte übrigens in der Tat schon ARD-Tatorte geschrieben. Umgearbeitet und angepasst für die Truppe im Alter zwischen 12 und 85 Jahren, den Mixed Pickles, hat das Stück die Theaterpädagogin Cordelia Honigberger. So wurde aus "Die Madonna in der Buche - oder das Wunder von Küssnacht" auch eine Inszenierung, die den Kern Rosenbergschen Denkens von der Gesellschaft bestens transportiert: "Ich bilde mir ein, ein Realist zu sein, und die Realität ist, wenn man genau hinschaut, skurril", so die Worte des Universalgelehrten.

Mit viel Witz, Elan und Überzeugung präsentierten die Schauspieler, allen voran Heike Reiff als die "Frau Siebenschneck", ein Stück, das einerseits höchst amüsant ist, aber auch zum Nachdenken anregt: Was kann aus Menschen alles werden, wenn sie einem - in diesem Falle - religiösen Wahn verfallen, der für die meisten Beteiligten auch noch gewaltige kommerzielle Vorteile bringt? Und wenn dann sogar die örtliche Geistlichkeit (Rainer Geisel) und die Bürgermeisterin (Anne Munding) aus dem fiktiven "Küsslingen" der Sache verfallen?

Rotzfrech, laut und ohne Rücksicht auf lokale Autoritäten agierten Lina Kurz als Mandy und Jessica Schenk als "Vera Habicht". Als Besitzer des Baumes wollen sie eigentlich nur ihre Ruhe. Doch bald schon steigen Siebenschneck und andere Bewohner über den Zaun, um die Buche anzubeten. Eine Madonna mit Kind ist ihnen erschienen.

Die Presse, gespielt von Bärbel Juntersdorf, wittert eine Exklusivgeschichte, nachdem der hartnäckige Schnupfen eines Baumanbeters auf einmal verschwunden ist. Schnell macht das Wort vom Mirakel die Runde, und immer wieder setzt die sprachverwirrte Frau Siebenschneck ("Campus Delikti") mit ihrem widerwärtigen und wirren Lobpreisungs-Geschwafel an. Von wegen "Perlengürtel der Enthaltsamkeit", wie sie es nennt. Das ist deutlich mehr als nur ein seltsamer Ausbruch von Volksfrömmigkeit. Auf einmal kosten die Würstchen dort acht Euro, 50 kostet der Rosenkranz. Und selbst die Kinder (Lea und Mats Herdtner sowie Simon Awender) mischen fröhlich mit. Von Hannah (Iris Grüninger) kommt elegische - für Geld zu habende - Klarinetten-Begleitmusik

Die Polizisten auf ihren Tretrollern, gespielt von Christine und Albert Flad, sind provinzielle Dumpfbacken, denen das Geschehen schon bald entgleitet. Frau Musardi (Gerda Frey) und Frau Cufal (Hedwig Barthold) mutieren zu Pilgerinnen - und Lukas Flad als "Rektor Hübli" gibt angesichts der "geweihten Stätte" seine intellektuelle Zurückhaltung auf.

Das muss ja im Chaos enden - zu sehen am 12. Juli, 20 Uhr, erneut in der Schloss-Schule. Karten sind noch zu haben.

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