"Et jibt Karjären, die kriechen durchn Hintern "

Ein ungeheurer Geist von Freiheit und Avantgarde durchzog die legendäre Kaffeehaus-Szene im Berlin der 20er Jahre - und die szenische Lesung von Jutta Menzel in der Pfullinger Bücherei.

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Das Berlin der 20er Jahre, zwischen dem Nichts nach dem Ersten Weltkrieg, der kulturellen Zügellosigkeit in der Weimarer Republik und den Werwölfen der Nazis war ein lärmender Dampfkessel. Jutta Menzel, Schauspielerin und Pantomimin aus Stuttgart, hatte für eine Handvoll Publikum die Suppe angerührt, den Ofen heiß gemacht und das Ventil verstopft, um aus Jux zu sehen, was passiert. Aber da tut sich nix. Der "systematisch organisierte Albtraum" jener Zeit wurde nur von einem übertroffen: der Nüchternheit der Berliner selbst.

Eine Stadt mit Hang zur Großmannssucht. Vor 800 Jahren "doppelgründig in den märkischen Sand gesetzt" (Ringelnatz). Nach Berlin kommt man "trotz der Hässlichkeit. Welche die Nachteile einer amerikanischen Großstadt mit der deutschen Provinz vereint." Tucholsky: "Über dieser Stadt ist kein Himmel. Hier wird nicht gearbeitet - hier wird geschuftet." Der Mythos Berlin entsteht zwischen 1918 und 1939, spricht Jutta Menzel in Regie-Untertiteln zu ihrer eigenen Inszenierung, "und wird zum Synonym für die ganze Epoche." Mit 276 meist rechtsmotivierten politischen Morden war Berlin 1923 Spiegel der deutschen Geschichte.

Das Romanische Café am Kurfürstendamm wird während der Weimarer Republik zum Haifischbecken für Künstler und Mäzene, Literaten, Intellektuelle, Berühmtheiten und Stadt-Streuner. Tingeltangel macht sich breit, und politisches Kabarett: die Brettl-Lyrik. Im Café Léon versinkt Erich Kästner in seiner "Einsamkeit." Humorist Ernst Reuter vernetzt als U-Bahnbauer die zusammenwachsende Metropole. Ringelnatz bemerkt: "Ganz Berlin stinkt nach Gummi und Benzin und die Fräuleins zeigen entsetzlich viel Bein. Aufregend gefährlich jeder verkehrt hier mit jedem."

Andrei Bely ist Vertreter von Emigranten, die Berlin zur Hauptstadt der russischen Literatur erklären. Der Hunger nach Lust manifestiert sich am schicken Boulevard mit "Tempo", dem neuen Szenemagazin. Mit der Großrevue "Hoppla - wir leben" triumphiert der Krake über Max Reinhardt. Josephine Baker jazzt. Der Charleston schafft sich Luft. Mascha Engel aus Galizien, die später für ihre Gebrauchslyrik berühmte Kaléko, inszeniert den neuen Frauentyp: die Büroangestellte. Ihre schnodderigen Lebensweisheiten mit kurzgehackter Schnauze treffen die Berliner ins Herz.

Für Tucholskys Satire über den Absturz in die Barbarei war der Berliner Dialekt das aggressivste Instrument: "Et jibt Karjären, die kriechen durchn Hintern ." Fritz Kortner hielt dem Führer auf die Frage, "was tust du für dein Vaterland" entgegen: "Ich zittere." Bert Brechts Asphalt-Ballade um Mackie Messer und Ernst Blochs Seeräuberbraut Jenny waren "gesellschaftlicher Sprengstoff."

Jutta Menzel, geboren in Essen und beheimatet in Stuttgart, liebt Gereimtes: "Die Sprache, die wir so gering schätzen, ist an der Poesie das Wichtigste. Sie zeigt das Wesen des Menschen." Über die Figuren, die sie in ihren szenischen Lesungen gibt, könnte sie jeweils drei weitere Abende mit brisantem Material füllen. Die Berliner Schnauze liegt dem Ruhrpott-Gewächs. Sie entdeckt darin viel Gemeinsames. Beeindruckend ist nicht nur der historisch-literarische Tiefgang ihrer Eigenrecherchen, sondern auch der Seegang zwischen Rezitation, laszivem Spott und vulgärer Gebrauchslyrik, die sie so interpretiert, dass sie äußerst amüsant als gespielte Szene im Raum besteht.

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