"Es tut gut zu arbeiten"

Die Rigipsplatten sind verbaut, die Wände blütenweiß gestrichen - jetzt geht's ans Regale-Aufbauen. In der Kraußstraße 6 richten Flüchtlinge und Ehrenamtliche eine Kleiderkammer mit Fahrradwerkstatt ein.

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Der Bosnier Dzulijan (rechts im Bild) hat beim Zusammenbauen der Regale in der künftigen Kleiderkammer alles im Griff.  Foto: 

"Es tut gut zu arbeiten", sagt Dzulijan - und hantiert wie ein Profi mit Schrauben und Regalböden. Der Bosnier, der aus seiner Heimat geflohen ist, in Italien zeitweise auf einer Müllkippe gelebt hat und nun in Pfullingen angekommen ist, weiß, dass er Deutschland wohl wieder verlassen muss. Und trotzdem: Er will helfen, möchte seinen Anteil leisten, damit im unteren Geschoss des Gebäudes Kraußstraße 6 auf gut 150 Quadratmetern Fläche nicht nur eine Kleiderkammer, sondern auch eine Fahrradwerkstatt entstehen kann.

Sechs Familien leben in dem Haus. Die meisten Bewohner sind vom Balkan - und sie ahnen schon, dass sie nicht anerkannt werden, dass sie nicht hier bleiben können. "Und doch helfen sie bei unserem Projekt mit. Das ist für sie ein Akt der Dankbarkeit", weiß Dijana Simegi-Loki. Die Pfullingerin stammt aus Kroatien und ist zusammen mit vielen anderen Ehrenamtlichen vom Bürgertreff in der Flüchtlingshilfe unterwegs. Sie dolmetscht - und sie packt bei den Renovierungsarbeiten mit an. Genauso wie Karl Wagner, der eine richtige kleine Dokumentation über das angelegt hat, was sich seit gut vier Wochen in der Kraußstraße 6 tut.

Die Lampen wurden erneuert und Löcher in den Wänden beseitigt. Noch immer riecht es nach frischer Farbe, während ein Regal nach dem anderen aufgebaut wird. "Der Treppenaufgang wird demnächst geliefert", erklärt Wagner. Ende November, spätestens Anfang Dezember sollen die Räume eingerichtet sein. Dann wird die Werkstatt, in der die Flüchtlinge ihre Fahrräder reparieren können, in Betrieb gehen und die Kleiderkammer soll eröffnet werden. Wobei es sich dabei eher um eine Wieder-Eröffnung handelt. Denn die Kleiderkammer, die Sabine Gann, Birgit Votteler, Inge Weingand und Bettina Denzel gemeinsam im Frühherbst in der Griesstraße in den hinteren Räumen der Bücherstube eingerichtet haben, war von Anfang an zu klein. Nur: Es hatte sich zuerst kein anderer Platz gefunden. Dass sich jetzt die Möglichkeit im Haus der Asylbewerber aufgetan hat, ist auch für die Ehrenamtlichen ein Glückstreffer.

Die Fläche, die ihnen hier für die Präsentation der Kleider zur Verfügung steht, ist ungleich größer. Ja, mancher Pfullinger kann die Wieder-Eröffnung kaum abwarten. "Denn wir können derzeit gar keine Spenden mehr annehmen, weil wir keinen Platz haben", sagt Jasmin Gekeler, die die Bürgertreff-Projekte koordiniert. In der Griesstraße findet deshalb nur noch die Ausgabe von Spenden statt. "Erst nach dem Umzug nehmen wir wieder Kleider an", erklärt sie. Selbst im Eingangsbereich seines Büros im Haus am Stadtgarten stapelt der Bürgertreff mittlerweile die Kartons, die mit Spenden gefüllt sind. Und auch die, weiß Gekeler, werden demnächst in die Kraußstraße gebracht.

Dort sollen nicht nur Kleiderkammer und Fahrradwerkstatt ihren Platz finden, es ist auch eine kleine Sitzecke eingeplant, in der Dijana Simegi-Loki Beratungsgespräche mit den Flüchtlingen führen kann. "Hier werde ich dann auch Übersetzungsdienste anbieten", sagt die Frau, die für die Flüchtlinge in der Kraußstraße derzeit die Hauptkontaktperson ist.

Was die Pfullingerin dabei immer wieder erstaunt, ist die Tatsache, dass sich die Asylbewerber in der Kraußstraße im Nu an ihre Umgebung anpassen. "Sie haben zum Beispiel die Mülltrennung komplett im Griff", hat die Ehrenamtliche schon beobachtet. "Und sie wissen sogar, wie die schwäbische Kehrwoche funktioniert und wie wichtig sie ist". Die gut 30 Flüchtlinge in der Kraußstraße - 67 leben derzeit insgesamt im Stadtgebiet - scheinen offenbar gut angekommen zu sein.

Wie es allerdings wird, wenn - wie von Bürgermeister Michael Schrenk prognostiziert - im nächsten Jahr gut 400 weitere Asylbewerber nach Pfullingen kommen, das können auch die Ehrenamtlichen nicht einschätzen. Der Helferkreis besteht derzeit aus 90 Leuten, von denen gut ein Drittel äußerst aktiv ist. Noch also sind die Ehrenamtlichen fast in der Überzahl. Sollten es immer mehr und mehr Flüchtlinge werden, wird das auf jeden Fall eine Herausforderung, sagt Simegi-Loki. Aber: "An Herausforderungen wächst man schließlich."

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