„Es kann sich Gutes entwickeln“

|
Gabi Riepl (rechts) und Claudia Gerling. Beide sind Fachberaterinnen bei pro juventa und zuständig für die Bereitschaftspflege in Familien. Foto: Simon Wagner  Foto: 

Suchtproblematiken, psychische Erkrankungen, familiäre Konflikte: Gründe, warum Eltern mit der Erziehung ihrer Kinder an Grenzen stoßen können, es zu Vernachlässigungen, Streiteskalationen oder gar Misshandlungen kommt, sind unterschiedlich. Oftmals ist es das Jugendamt, mitunter sind es auch die Kinder selbst, die bei akuten Problemlagen Alarm schlagen. Dann hilft meist nichts anderes, als die Reißleine zu ziehen, die jungen Menschen vorübergehend aus ihrem Umfeld zu nehmen und bei Pflegefamilien unterzubringen. Im Rahmen der Bereitschaftspflege erhalten sie dort Sicherheit, Schutz und Orientierung. Zeitgleich können mit Hilfe einer engmaschigen Betreuung neue Perspektiven und Wege aus der Krise ausgelotet werden.

Das Jugendamt sieht sich derzeit einer steigenden Zahl von Meldungen gegenüber. Der Grund, warum Betreuungsanfragen inzwischen auch wieder an den Reutlinger Jugendhilfeträger „pro juventa“ weitergereicht werden. Wieder auf diesem Feld aktiv, hat die Organisation im vergangenen Jahr rund 20 Kinder an Bereitschaftspflegefamilien vermittelt, obschon die notwendigen Strukturen erst wieder im Aufbau begriffen sind, wie die „pro juventa“-Fachberaterinnen Claudia Gerling und Gabi Riepl erklären.

Woran es vor allem noch mangelt, sind Familien, die bereit sind, Kinder in Notlagen bei sich aufzunehmen – für die Dauer einer Woche und in der Regel nicht länger als drei Monate. In der Mehrheit der Fälle gehen sie anschließend wieder zurück in ihre Familien. Manchmal aber ist die Bereitschaftspflege nur eine Zwischenstation, bevor dauerhafte Pflegefamilien gefunden sind.

Auf einen reichen Erfahrungsschatz als Bereitschaftspflegefamilie kann etwa das Ehepaar U. aus Reutlingen zurückblicken. Vor knapp 20 Jahren, als ihre eigenen Kinder erwachsen und die drei Kinderzimmer verwaist waren, öffneten sie erstmals ihr Haus. Inzwischen fanden bei ihnen rund 40 Kinder und Jugendliche eine vorübergehende Zuflucht. Eine Zeit, die die beiden, auch wegen dem „Leben in der Bude“ nicht missen wollen. 40 Mal hieß es, sich auf neue Persönlichkeiten einzustellen, 40 Mal aber auch wieder Abschied zu nehmen. Mitunter, aus Sorge um die Zukunft der Jugendlichen, unter Tränen.

„Da passiert ganz viel“, weiß Claudia Gerling über die entstehenden Bindungen zwischen den Jugendlichen und ihren Gastfamilien. Nicht nur deswegen sei diese Zeit eine für die jungen Menschen meist sehr wichtige. Neben einem verlässlichen und strukturierten Alltag und einem beschützten Umfeld profitieren sie auch von der Erfahrung, das Krisen bewältigbar sind.

„Ich bin erstaunt, wie schnell sich Kinder auf Neues einlassen können“, beschreibt Dieter H. eigene und die Erfahrungen seiner Frau. Sie haben sich erst im September dazu entschlossen, Kinder in Notlagen aufzunehmen. Für sie ging damit ein lang gehegter Wunsch in Erfüllung. Und sie ziehen ein positives Zwischenfazit: „Es kann sich Gutes entwickeln.“ Der als schwierig geltende Junge, der ihr leerstehendes Kinderzimmer auf der Alb bezog, hat sich in der neuen Umgebung schnell zu einem ruhigen und umgänglichen jungen Mann entwickelt. „Man muss die Jugendlichen dort abholen wo sie stehen“, so das Rezept des Ehepaars.

Das kann „pro-juventa“-Geschäfstführer Hans-Anton Maier nur unterstreichen: „Man ändert die Menschen nicht in so kurzer Zeit.“ Umso wichtiger sei es deshalb, neugierig, offen und einladend auf die Gäste zuzugehen – aber durchaus auch klare Ansagen zu machen und Grenzen zu ziehen. „Das ist nichts für suchende Familien“, erklärt Maier. Vor der Aufnahme eines Kindes machen sich die Fachberaterinnen Claudia Gerling und Gabi Riepl durch Gespräche, Hausbesuche und mit Hilfe eines Genogramms denn auch ein Bild von den Pflegefamilien und bereiten sie auf die Aufgabe vor. Unterstützung und Hilfestellung bieten die Beraterinnen auch während und nach dem Ende der Betreuungsphasen.

Sie enden immer mit Abschieden. Wobei Claudia Gerling lieber von Übergängen spricht. Sie zusammen mit dem Kind bewusst zu gestalten, etwa das Wunschessen auf den Tisch zu bringen, das der junge Hausgast zuletzt so lieb gewonnen hat: Der letzte wenngleich nicht der unwichtigste Teil einer erfolgreichen Krisenbewältigung.

„Pro juventa“ sucht derzeit dringend Familien, die Jugendliche und Kinder im Rahmen der Bereitschaftspflege temporär bei sich aufnehmen können. Sie erhalten nach erfolgreicher Eignungsprüfung und eingehender Vorbereitung ein Honorar für geleistete Betreuungszeiten.

Grundsätzliche Fragen zur Bereitschaftspflege, aber auch konkrete Betreuungsanfragen nehmen die Fachberaterinnen Claudia Gerling und Gabi Riepl entgegen. Sie sind telefonisch erreichbar unter: ☎ (0 71 21)92 49 80 oder via Email: est@pro-juventa.de. Weitere Informationen gibt es zudem unter www.pro-juventa.de

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Unterwegs in ein neues ÖPNV-Zeitalter

Der Gemeinderat hat gestern Abend mit großer Mehrheit den Grundsatzbeschluss für ein neues Stadtbuskonzept gefasst. Die Umsetzung soll im zweiten Halbjahr 2019 starten. weiter lesen