„Dem gelben Schirm folgen“

Die „Inklusive Stadtführung“ mit Beschäftigten der BruderhausDiakonie begeistert Publikum trotz heftiger Regenschauer.

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Hätten Sie’s gewusst? Dass in Reutlingen 16 Brunnen zu finden sind? Und 78 960 Mülltonnen? Dass die Stadtmauer der Stadt einst 700 Meter lang war, ein Marktplatz in der Mitte Reutlingens zu finden ist und insgesamt sage und schreibe 34 Millionen Pflastersteine die Straßen zieren? „Stellen Sie sich mal vor, wie schwierig das für Rollstuhlfahrer ist“, riefen die besonderen Stadtführer am Dienstagnachmittag vor dem Gartentor den Zuhörern entgegen.

„So schlechtes Wetter hatten wir noch nie“, betonte Anita Gauß vom Sozialdienst der Bruderhaus-Diakonie am Rande der Führung. Zusammen mit ihrer Kollegin Ulrike Lamparter begleitet sie eine Gruppe von jeweils sechs bis acht gehandicapten Stadtführern auf ihrer Tour durch Reutlingen. Start der inklusiven Führung war am Dienstag im Garten des Heimatmuseums – die Führungsgruppe in neongelben Warnwesten schmetterte unverdrossen das schöne Lied: „Weißt du, wie viel Brünnlein fließen in der lauten Echazstadt.“ Nur wenig ließen sich dabei durch die Wassermassen einschüchtern, die vom Himmel fielen. „Ja, da kann man schon genießen, was die Stadt zu bieten hat“, hieß es weiter in dem Lied. Der Text dazu ist, wie alle anderen gesprochenen Worte der Stadtführung auch, in der Literaturgruppe der Bruderhaus-Diakonie entstanden.

Amüsant informativ ging es weiter zum Spitalhof, getreu dem Motto: „Folgen Sie dem gelben Schirm.“ Der ist im Übrigen immer dabei – nicht nur bei Regenwetter. Die Geschichte des zentralen Reutlinger Gebäudes wurde ebenso in leichter Sprache erläutert wie auch durch Gesten und andere schauspielerische Elemente. All das hatte Enrico Urbanek vom Reutlinger Theater „Die Tonne“ eingebracht und mit den Stadtführern einstudiert. „Wir haben aber nicht alle Ideen von Urbanek übernommen, manche waren ziemlich wild“, berichtete Anita Gauß schmunzelnd. Vom Spitalhof zum Gartentor, nur wenige Meter weiter ging es per Seilschaft (alle Teilnehmer der Führung hielten sich an einem Seil fest) in den 10. Stock auf die Dachterrasse eines Parkhauses. Dort empfing die Gruppe ein herrlicher Blick auf Achalm, Marienkirche und die halbe Stadt. Ein kleines Theaterstück auf einer improvisierten Bühne folgte, alles sehr vergnüglich bis spaßig und mit viel Begeisterung vorgetragen. Vom Dachgeschoss ging es wieder runter, nun zur Marienkirche, die Geschichte des Gotteshauses wurde erläutert, mit Rammbock, Engel auf dem Turm und einigem mehr. Abschluss der besonderen Stadtführung war an der „engsten Straße der Welt“ – laut Stadtführer ist dort mal ein Japaner mit seiner Kamera steckengeblieben. Was eigentlich kaum verwundert, bei nur 31 Zentimetern Breite.

Nun ist die „Inklusive Stadtführung“ nichts Neues mehr: Die erste dieser ganz besonderen Führungen war am 9. Dezember 2014, sagte Gauß. Seitdem gebe es durchschnittlich eine Führung im Monat, aber immer nur auf Anfrage. „So weit sind wir noch nicht, dass wir regelmäßige Termine anbieten.“ Diese geführten Touren durch die Stadt hätten sich innerhalb der vergangenen zwei Jahre stetig weiter entwickelt, „unsere Beschäftigten bringen sich da ständig ein, überprüfen, ob die Texte tatsächlich in leicht verständlicher Sprache sind, haben aber auch andere Ideen“, so die Sozialdienst-Mitarbeiterin.

Jede und jeder Einzelne bringen sich mit den persönlichen Stärken ein – „wer singen kann, singt, wer sich schauspielerisch darstellen will, tut das, wer nicht, lässt es bleiben, kann dafür aber vielleicht sehr gut Texte vortragen“, betont Anita Gauß. Im Lauf der Zeit habe sich gezeigt, dass einige der einstmals 14 Interessierten eine Menge an schauspielerischem Talent, an Witz und Konzentrationsfähigkeit mitbrachten.

Zurzeit sind es acht inklusive Stadtführer, 14-tägig wird geprobt. „Für unsere Beschäftigten ist das ja eine hochkomplexe Angelegenheit.“ Man stelle sich mal vor, man müsste vor einer größeren Gruppe schauspielerisch tätig werden – allein das würde mit Sicherheit ganz viele Menschen abschrecken. Die Leistungen der Stadtführer wurden auch bereits honoriert: Die besondere Stadtführung hat einen Innovationspreis der Evangelischen Kreditgenossenschaft gewonnen – womit ein Teil der Kosten gedeckt wurde. „Ansonsten sind wir aber auf Spenden angewiesen“, betonte Anita Gauß.

Sieben Stadtführer leiteten am Dienstag die große Gruppe der Interessierten durch Reutlingen und verhalfen ihnen dabei zu einem etwas anderen Blick auf die Kommune. Die Stadtführer waren: Anne-Kathrin Kilguss, Emina Dindic, Günter Eisele, Didi Werner, Brigitte Edelmann, Anita Gauß und Ulrike Lamparter.

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