"Das muss einfach raus"

Klein ist nicht seine Sache - Erich Rosenberger liebt's flächendeckend. Die abstrakten Großformate spritzt, schüttet und tropft der Autodidakt ganz ohne Pinsel im Atelier Halle 016 der Bruderhaus-Diakonie.

|
Vorherige Inhalte
  • Locker und spontan aus dem Handgelenk ohne Pinsel und Instrumente bringt Erich Rosenberger seine selbst angemischte Eitempera-Farbe auf dem vorgrundierten Geviert aus Leinwänden auf. 1/3
    Locker und spontan aus dem Handgelenk ohne Pinsel und Instrumente bringt Erich Rosenberger seine selbst angemischte Eitempera-Farbe auf dem vorgrundierten Geviert aus Leinwänden auf. Foto: 
  • Erich Rosenberger liebt es großformatig - hier sein Tryptichon mit Kreisen. Seit 2011 war er erfolgreich schon an etlichen Ausstellungen beteiligt. 2/3
    Erich Rosenberger liebt es großformatig - hier sein Tryptichon mit Kreisen. Seit 2011 war er erfolgreich schon an etlichen Ausstellungen beteiligt. Foto: 
  • 3/3
Nächste Inhalte

Die Szene ist bezeichnend: Bei der Demonstration seiner Arbeitsweise im Atelier Halle 016 im Obergeschoss der Siemensstraße 2 ist Erich Rosenberger so auf sein Werk konzentriert, dass er die nebenbei angemischte leuchtrote Farbe mit geübtem Schwung schneller auf das liegende Leinwandgeviert aufgebracht hat, als die Fotografen die Kameras gezückt haben.

Für den 54-Jährigen ist seine Kunst reine Action, "das spritzt schon mal und tropft", sagt der Autodidakt. Eine große leere Leinwand "schreckt mich nicht, ich hab' da keine Blockade". Am liebsten würde er ein Museum ausfüllen. Sein Traum: "Zwei Leinwände, drei Meter hoch, acht Meter lang, und ich lauf' durch, bearbeite sie links und rechts, spritzen, schütten - weg damit, das muss einfach raus!" Wenn sich "fluoreszierende Farben in der Luft mischen, bin ich manchmal selber fasziniert von dem Ergebnis", sagt er stolz.

Dabei war ihm die Kunst nicht in die Wiege gelegt. Rosenberger leidet am Boarderline-Syndrom, eine Persönlichkeitsstörung, die durch Impulsivität und Instabilität von Emotionen, Stimmung, Identität sowie zwischenmenschlichen Beziehungen charakterisiert ist. Das Handicap hat ihn im schulischen und beruflichen Werdegang aus dem Gleis gebracht, er driftete ins Drogenmilieu ab. 1999 wurde bei ihm Krebs diagnostiziert. Nach Chemo- und Drogentherapie fand der gebürtige Villinger Halt in diversen Einrichtungen. Er laboriert noch an den Folgen eines 2004 erlitten leichten Schlaganfalls. Heute lebt er ambulant betreut vom Sozialpsychiatrischen Dienst in Ohmenhausen.

Und er arbeitet als Gemüsebauer in der Gärtnerei des Hofguts Gaisbühl der Bruderhaus-Diakonie. 2009 lernte er über eine Kollegin das Kunstprojekt "Halle 016" kennen, das es in dieser Form, getragen von den Bruderhaus-Werkstätten, seit 1999 gibt. Hier sind aktuell "rund 40 Leute mit unterschiedlicher Intention und Intensität tätig", erläutert der Künstler Johannes Joliet, der "Halle 016" betreut. Seit fünf Jahren ist das "Provisorium" im Obergeschoss der Siemensstraße 2 in gemieteten Räumen neben anderen Firmen der Bruderhaus-Werkstätten untergebracht.

Zur künstlerischen Gestaltung als Therapie und dem künstlerischen Tun zum Ausgleich für den Arbeitsalltag wurde hier, so Joliet, "von Anfang an auch das Ziel verfolgt, besonders Begabten einen Weg zum eigenständigen, biografisch relevanten künstlerischen Werk zu öffnen." Dies ist bei Erich Rosenberger der Fall, bescheinigt ihm sein Mentor Joliet. Die Auseinandersetzung mit der Materie hat Rosenbergers "Selbstbewusstsein gestärkt hin zum Künstlertum". Er sei "in die Kunst reingerutscht", habe immer mehr (Arbeits-)Zeit reingesteckt und schließlich einen "Teilzeitarbeitsplatz Kunst" bekommen. Seitdem ist er "beauftragt, zwei Tage Kunst zu machen statt nur ausnahmsweise immer", erzählt Joliet. "Eigentlich will ich immer malen", verrät Rosenberger, dem ein körperliches Gebrechen ("Ich kann nicht mehr knien") die Gartenarbeit erschwert.

Seine ersten Versuche der Bildgestaltung mit der Acrylfarbentube ("Ich kann den Pinsel nicht ruhig halten") gestalteten sich unbefriedigend: "Ich hab' die Farbe mit Schmackes rausgedrückt und ein größeres Bild von der Kollegin erwischt", erzählt Rosenberger schmunzelnd.

Ihm wurde klar, dass er größere Flächen braucht, "mit kleine Bildle kann ich nix anfangen". Und andere Farben, das industrielle Acryl gefiel ihm nicht. In einem Hochschulkurs lernte er die Eitempera-Technik kennen, deren Vielfalt ihn fasziniert: "Das ist ölig, glänzend und hat ganz verschiedene Konsistenz."

Die Rezepturen, säuberlich notiert, entwickelt er experimentierend laufend weiter. Mehl, Salz, Terpentinöl, Leinöl, Eier und Farbpigmente werden da selbst angerührt und ausgebracht. Sägemehl hat er verschafft, Marmormehl will er ausprobieren. In seinem Action-Painting "hab' ich schon mal 30 Eier an einem Tag verbraten", fünf Liter Leinölfirnis sind in zwei Monaten verarbeitet, dazu teils teure Farbpigmente en masse. So kommen Materialkosten pro Bild bis zu 800 Euro zusammen. Die übernimmt die Werkstatt, ein Teil wird über Bilderverkäufe refinanziert. Auch deshalb ist es Rosenberger wichtig zu malen: "Ich möchte verkaufen, nicht auf Halde produzieren."

Schicht für Schicht entstehen so scheinbar impulsiv Rosenbergers Abstrakta. In seinem ersten Bild "Sonnenaufgang", das er heute noch besitzt, hat er 66 Lagen verarbeitet. Auftragen, warten - das Trocknen verändert die Struktur - nächste Schicht. "Das nimmt der Spontaneität ihren Drive, dennoch sieht es spontan aus", lobt Joliet. Manchmal arbeitet Rosenberger Eierschalen ein, "um zu zeigen, da geht was mit Eiern ab". Zwischen zwei Tagen und 18 Monaten arbeitet er an einem Werk, immer an mehreren parallel. Den Abschluss bildet stets ein Schutz aus Dammarfirnis, feinzitronig duftendes Harz von Südseebäumen, in Terpentinöl gelöst. Das Resultat sind giftstoff-freie Bilder ("die könnte man essen") mit reliefartiger Struktur: "Man darf die Bilder anfassen, kann die Farben ertasten, die wären ideal für Blindenkunst", argumentiert Rosenberger intuitiv inklusiv.

Weil große Leinwände teuer sind, werden mehrere kleine zusammengefügt, bearbeitet und am Ende anders zusammengesetzt. Aus der Not geboren entstehen so "ganze Wände aus einzelnen Kacheln", erläutert Werkstatt-Leiter Klaus Fischer den besonderen Akzent.

Zwei Wünsche hat Erich Rosenberger am Ende: ein gemeinschaftliches Atelier der Begegnung und des Austauschs von behinderten und nicht behinderten Künstlern, am besten über den Dächern von Reutlingen - und jemand, der ihm ein wenig bei seiner Homepage hilft.

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Ein kleines Wattestäbchen reicht

Bei der Spendenaktion für den zweijährigen Joel bereicherten 1324 Freiwillige mit ihrer Speichelprobe die weltweite Stammzellen-Datei. weiter lesen