"Alles Neue erfordert Toleranz"

Was deutlich wurde bei der Bürgerversammlung zum Thema Flüchtlingsunterbringung in Pliezhausen: Es gibt einerseits konkrete Ängste vor den Zuwanderern. Aber auch viel Unterstützungswille.

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  • Hitzig debattiert haben die Pliezhäuser über die geplante Flüchtlingsunterbringung in ihrer Gemeinde. Fotos: Norbert Leister 1/2
    Hitzig debattiert haben die Pliezhäuser über die geplante Flüchtlingsunterbringung in ihrer Gemeinde. Fotos: Norbert Leister Foto: 
  • Bürgermeister Christof Dold (links): "Das Floriansprinzip darf nicht gelten". 2/2
    Bürgermeister Christof Dold (links): "Das Floriansprinzip darf nicht gelten". Foto: 
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Die Situation ist klar, das verdeutlichte Landrat Thomas Reumann jetzt in der Pliezhäuser Gemeindehalle: Die Zahl der Flüchtlinge nimmt weiter rapide zu. 850 zusätzliche Unterkunftsplätze müssen bis zum Ende des Jahres geschaffen werden. Und weil sich der Landkreis in Abstimmung mit den Kommunen zu einem dezentralen Konzept - ohne die ganz großen Lager - entschieden hat, sind nun auch alle Städte und Gemeinden gefordert, "um gemeinsam nach Lösungen zu suchen", so Reumann. "Wenn wir nicht wollen, dass bei uns Hallen beschlagnahmt werden zur Flüchtlingsunterbringung, dann sind wir auf die Flächen angewiesen, die nun zur Verfügung stehen", betonte Pliezhausens Bürgermeister Christof Dold. Dabei könne es nicht sein, dass immer wieder das Floriansprinzip Anwendung finde - Unterkünfte ja, aber nicht in meiner Nachbarschaft. Dennoch genau diese Haltung wurde im Publikum mehrfach geäußert: "Wieso müssen wir uns integrieren, die Leute sollen doch irgendwo außerhalb untergebracht werden", hieß es da etwa.

Oder: "Jeder Mensch hat sein eigenes Empfinden gegenüber Fremden, 40 Leute in meiner eigenen Nachbarschaft, das ist eine überdimensionale Zahl, das kann dazu führen, dass ich mich nicht mehr zuhause fühle". Und: "Hier wird doch alles durch die rosarote Brille gesehen", empörte sich ein Gniebeler, der seine "Töchter in Gefahr" sieht. Warum? "Leute aus dem Kulturkreis betrachten Frauen doch als untergeordnete Subjekte".

Ein anderer Pliezhäuser verwies auf die Nachrichten in den vergangenen Tagen, auf die Razzien in Asylbewerberunterkünften, bei denen einige Drogenhändler festgenommen wurden. Da sehe man doch ganz eindeutig, was für Leute diese Flüchtlinge seien.

"Hier werden Flüchtlinge unter Generalverdacht gestellt, dass sie mit Drogen handeln, junge Mädchen belästigen und Frauen vergewaltigen", empörte sich hingegen ein junger Mann. Seine Forderung: "Wir müssen die Flüchtlinge bei uns aufnehmen und ihnen zeigen, dass sie willkommen sind".

Gleiches hatte zuvor auch schon Pfarrer Martin Rose aus Mägerkingen geraten, einem Eintausendeinhundert-Seelen-Ort auf der Alb, in den vor eineinhalb Jahren vierzig Asylbewerber kamen. Und die Bewohner trotz Bedenken registrierten, dass da keine Flüchtlinge kamen, sondern Menschen. Und zwar solche, die zum Großteil Unsägliches hinter sich hatten, mit der Flucht aus einem Kriegsland bis zur mörderischen Überfahrt über das Mittelmeer. Der Landrat äußerte Verständnis für die besorgten Bürger: "Natürlich kommen da keine Heiligen, aber diese Menschen haben eine faire Chance verdient".

Und wer hier gegen Gesetze verstoße, der werde zur Rechenschaft gezogen. Denn: "Flüchtlingsunterkünfte sind kein rechtsfreier Raum". Reumann lud die Bedenkenträger ein, vor Ort in einer Flüchtlingsunterkunft mit den Menschen in Kontakt zu treten. Und dabei dem Fremden ein Gesicht zu geben, zu realisieren, dass die Asylbewerber es verdient haben, als Menschen behandelt zu werden. Bürgermeister Dold sagte, dass nun daran gedacht sei, an den Standorten in Gniebel eine Unterkunft für zwanzig Flüchtlinge zu platzieren, an dem neuen Standort in Pliezhausen hinter dem Aldi-Markt eine weitere für fünfunddreißig Personen. Letztendlich entscheiden müsse der Gemeinderat darüber. Kurz vor Schluss meldete sich ein Bürger, der vor wenigen Tagen eines der beiden Grundstücke hinter dem Aldi-Markt zur Verfügung gestellt hatte. Er erinnerte sich an 1944, als bei ihm in der Familie eine junge Flüchtlingsfrau mit ihrer Tochter in seinem Haus einquartiert wurde. Sein Fazit: "Ich muss sagen, dass mich die Fremdenfeindlichkeit hier bestürzt", betonte er.. Und: "Für alles Neue braucht es Toleranz". Günter Klinger resümierte als Moderator: "Ich glaube, dass alle Sorgen angekommen sind".

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