Zur rechten Zeit am rechten Ort
Reutlingen. Bei der Hauptversammlung der Reutlinger Ortsgruppe im Naturschutzbund (Nabu) Deutschland (wir berichteten) wurde der Ornithologische Bericht 2011 präsentiert. Er enthielt auch etliche Überraschungen.
Etliche Nabu-Mitglieder, allen voran Richard Armbruster, Roland Finkbeiner, Siegfried Bauer, Hans-Martin Koch, Roland Herdfelder, Hans Joachim Riedinger und Siegfried Vohr, haben sich auch im vergangenen Jahr wieder um ornithologische Beobachtungen und deren Protokollierung gekümmert sowie einen "Ornithologischen Bericht 2011" erstellt. Roland Finkbeiner stellte die bemerkenswertesten Beobachtungen daraus vor, etliche davon mit Bild.
"Klimatisch gesehen waren für den Zeitraum dieses Berichtes eine ganze Reihe von extremen Wettersituationen zu verzeichnen, die natürlich immer auch Auswirkungen auf unsere heimische Vogelwelt haben", so Finkbeiner zu Beginn seiner Ausführungen. Folgte doch auf den kältesten und schneereichsten Dezember (2010) seit über 20 Jahren 2011 ein Frühjahr, das in den Monaten März bis Mai erheblich wärmer, extrem trockener und sonnenscheinreicher als im langjährigen Mittel war. Und weil der Spätherbst von Mitte Oktober bis Ende November der trockenste und sonnigste seit Aufzeichnungsbeginn war, herrschten insgesamt Bedingungen, die für die Vögel in Mitteleuropa durchaus günstig waren.
Während Ende Dezember 2010 rund 80 Kraniche über die Stadt hinwegzogen und später diverse Möwenarten durchs Neckartal zogen, waren abermals bei uns überwinternde Silberreiher festzustellen. Unter den Wintergästen, die sich bei uns vor allem im Neckartal aufhalten, zählten insbesondere auch Schnatter-, Schell-, Tafel-, Reiher- und Löffelenten sowie zwei Pfeifenten. Kleine Trupps des Gänsesägers, drei Nilgänse, fünf Saatgänse, eine Weißwangengans und diverse Graugänse kamen noch dazu. Anfang Februar setzte mit den ersten Feldlerchen, Staren und dem ersten Rotmilan die erste Phase des Frühjahrszuges ein. Schon am 15. Februar zeigte sich der erste Hausrotschwanz im Listhof.
Mitte des Monats waren erste Kiebitze unterwegs, Kraniche, Weißstörche und eine Kornweihe zogen durch, je zwei Kampfläufer und Rebhühner dagegen machten nur Rast. Aus dem übrigen Zuggeschehen im Frühjahr ragten eine Zwergschnepfe, ein Fischadler, acht Ortilan, ein Brachpieper, insgesamt 31 Steinschmätzer, eine Turteltaube, drei Flussuferläufer am Gönninger See sowie ein singender Schilfrohrsänger an den Schlattwiesenseen heraus. Die ungewöhnlichste Beobachtung des Frühjahrs stammt aus der Kernzone des Biosphärengebiets, wo am 24. Mai ein Männchen des Rotkopfwürgers gesichtet wurde. Eine Rote-Liste-Art, die als Brutvogel in Baden-Württemberg als verschwunden gilt.
Der sonnigste Frühling seit über 100 Jahren bot unserer heimischen Vogelwelt zur Brutzeit überwiegend gute Bedingungen. Ein Schwerpunkt der Beobachtungstätigkeit galt dem Brutgeschehen des Gartenrotschwanzes, dem "Vogel des Jahres 2011". Bei drei Kontrollgängen in 24 Gebieten zwischen Mittelstadt und Gönningen wurde die überraschend hohe Zahl von 175 Gartenrotschwanz-Revieren ermittelt. In den dortigen Streuobstwiesen waren aber auch Halsbandschnäpper, Pirol, Baumpieper, Fitis, Nachtigall und Wendehals sowie Bunt-, Mittel-, Klein-, Grau- und Grünspecht vertreten. Wieder häufiger wurde zur Brutzeit die Nachtigall festgestellt, die Wachtel wurde mehrmals gehört, im Listhof brütete nach längerer Zeit mal wieder ein Paar der Rohrammer.
Im Metzinger Wald konnte sich die Population des Waldlaubsängers ebenso nicht erholen wie die des Fitis. Erfreulich dagegen die acht dort nachgewiesenen Reviere des Pirols. Im Albvorland brütete ein Schwarzkehlchen, das Auftreten des Neuntöters erwies sich hier als stabil. Die Population des Steinkauzes im Reutlinger Nordraum dagegen war mit 15 erbrüteten Jungvögeln etwas weniger erfolgreich als im Vorjahr.
Intensives Betrachten während der Phase des Wegzugs erbrachte wieder ein Fülle an interessanten Daten. Herausragend ein Bruchwasserläufer am 2. August am Neuen See im Listhof, ein Großer Brachvogel bei Gomaringen und sieben Schwarzhalstaucher am Kirchentellinsfurter Baggersee. Ein Wiedehopf legte bei Mittelstadt eine kurze Rast ein, Mornellregenpfeifer bei Ehestetten. Im September zogen rund 50 Bienenfresser über die Achalm hinweg, eine Turteltaube, eine Trauerseeschwalbe und die ersten Silberreiher ließen sich blicken. Schon am 28. September dann der Raubwürger in seinem Winterquartier im Listhof.
Im Rahmen der alljährlich durchgeführten systematischen Zugerfassung konnten zahlreiche Massenzieher registriert werden. An Kleinvögeln zählten dazu auch 487 Schafstelzen, 1766 Wiesenpieper, 9749 Feldlerchen und die "phänomenale Zahl von 130 075 Ringeltauben". Unter den durchziehenden Greifvögeln blieben unter anderen auch 737 Mäusebussarde, 142 Rotmilane, 204 Wespenbussarde, 18 Rohrweihen und sechs Fischadler nicht unentdeckt. Als seltene Herbstgäste stellten sich je eine Moorente und ein Goldregenpfeifer, zwei Zwergmöwen am Neckar, zwei weißköpfige Schwanzmeisen sowie ein Raufußbussard bei Mittelstadt ein.
Vieles bestätigte, so Roland Finkbeiner, "mal wieder die alte Beobachterweisheit, dass man sich das Glück, zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort zu sein, durch viele Stunden vergebliches Schauen und Suchen erarbeiten muss".
Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar
Autor: DIETMAR CZAPALLA | 22.02.2012
| Artikel twittern |
|
|
Ein Gänsesäger als Wintergast im Neckartal. Foto: Dietmar Czapalla
MEISTGELESENE ARTIKEL
Verpackungshersteller Edelmann baut Stellen ab
Edelmann in Heidenheim muss bis zu 70 Stellen abbauen: Grund dafür sind überraschende Auftragsrückgänge durch den Verlust zweier Großkunden. Betriebsbedingte Kündigungen sind nicht ausgeschlossen.... mehr
Schwerer Vorfahrtunfall auf neuer Kreuzung bei Brenz
Weil eine Autofahrerin die Vorfahrt nicht beachtete, kam es am Dienstag zu einem verheerenden Unfall auf der neuen Bundesstraße 492: Die Unfallverursacherin wurde lebensgefährlich verletzt.... mehr
Schulbus durchbricht Leitplanke und kippt um
Burgrieden/Rot Der Fahrer eines mit elf Schülern besetzten Schulbuses ist am Donnerstagmittag von der Straße abgekommen, durch eine Leitplanke gebrochen und anschließend im Graben auf die Seite gekippt. Ein Großaufgebot an örtlichen und überregionalen Kräften von Feuerwehr, Rettungsdienst und Polizei musste zum Einsatz anrücken.... mehr
Ruf nach Heim ohne Waffen - Memminger Schütze knackte gesicherten Tresorraum seines Vaters
Memmingen/Stuttgart Nach dem Memminger Amok-Alarm fordern Grüne und Opferverbände ein schärferes Waffenrecht. Der 14-Jährige hatte Waffen des Vaters entwendet.... mehr
Fremde Feder - Hans Küng: Papst provoziert Ungehorsam
Auf dem alternativen wie auf dem offiziellen Katholikentag in Mannheim herrschten allgemein Unmut und Frustration über die Verschleppung innerkirchlicher Reformen. Im scharfen Kontrast dazu bereitet Papst Benedikt XVI. für Pfingsten offensichtlich die definitive Versöhnung der katholischen Amtskirche mit den traditionalistischen Piusbrüdern, deren Bischöfen und Priestern vor.... mehr

ZURÜCK
