Zeitarbeit und Werkverträge nicht stärker regulieren

Die Südwestmetall-Bezirksgruppe Reutlingen sieht die Industrieproduktion in der Region gefährdet, wie der Verband gestern mitteilte. Der neue Vorsitzende forderte ein Umsteuern in der Tarifpolitik.

SWP |

Hohe Tarifsteigerungen sowie falsche politische und gesetzliche Weichenstellungen machen auch den Betrieben der Metall- und Elektroindustrie (M+E) in der Region zu schaffen, heißt es in der Mitteilung des Verbands. Betroffen seien die Kreise Reutlingen, Tübingen, Calw, Freudenstadt, Zollern-Alb und der nördliche Teil des Landkreises Sigmaringen. "Unsere Industrie hat eine immense Bedeutung für den Wohlstand in der Region. Allerdings beobachten wir, dass die Unternehmen fast nur noch im Ausland in Kapazitätsausweitung investieren und im Inland in der Produktion bereits Jobs verloren gehen", sagte Reiner Thede, seit Oktober neuer Vorsitzender der Südwestmetall-Bezirksgruppe Reutlingen und Geschäftsführer der Erbe Elektromedizin in Tübingen.

"Wenn wir keine spürbare Kurskorrektur in der Tarifpolitik schaffen, führt dies zu gravierenden Schäden an der Wettbewerbsfähigkeit unseres Standortes. Auch die Politik ist gefordert, statt über neue Belastungen vielmehr darüber nachzudenken, wie Unternehmen entlastet, wie Innovationen gefördert werden können und wie in Infrastruktur investiert werden kann", unterstrich Thede. Er wandte sich gegen die zusätzliche Regulierung von Zeitarbeit und Werkverträgen.

Die Industrie, darunter insbesondere die Metall- und Elektroindustrie, hat in Deutschland ein mehr als doppelt so hohes Gewicht wie zum Beispiel in Frankreich oder in Großbritannien - und sie sichert mit ihrem Erfolg einen großen Teil des Wohlstands. Das geht aus einer Untersuchung des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW) hervor. Hier in Baden-Württemberg wiederum habe die Industrie ein noch viel stärkeres Gewicht als im Rest der Republik und dies gelte für die Region um Reutlingen genauso. "Wären wir nur Bundesdurchschnitt, würden uns allein in der Region jährlich 2,4 Milliarden Euro an Wertschöpfung fehlen", sagte Dr. Jan Vetter, Geschäftsführer der Südwestmetall-Bezirksgruppe Reutlingen. "Deshalb bereitet uns die Entwicklung, dass auch immer mehr kleinere Firmen mit Produktion ins Ausland drängen, große Sorgen." Vetter ergänzte, dass im Südwestmetall-Bezirk jeder fünfte sozialversicherungspflichtig Beschäftigte, mithin also 20,8 Prozent - in der Metall- und Elektroindustrie arbeitet.

Deshalb müssten dringend die Rahmenbedingungen verändert werden, um die hiesigen Standorte auch für Produktion wieder attraktiver zu machen, so Vetter. "Hier ist vor allem die Tarifpolitik gefordert, bei der die Entwicklung in den vergangenen Jahren aus dem Ruder gelaufen ist." Allein die letzten drei Tarifrunden seit 2012 hätten der M+E-Industrie ein Kostenplus von 14 Prozent beschert.

Seit der Krise 2008/09 seien die Entgelte um fast 20 Prozent erhöht worden. Gleichzeitig gebe es kaum Inflation, die Produktivität lege nur geringfügig zu: "Dadurch hat sich unsere Wettbewerbsfähigkeit massiv verschlechtert." Deshalb forderten Thede und Vetter die IG Metall auf, die Erwartungen ihrer Mitglieder vor der nächsten Tarifrunde im Frühjahr 2016 nicht in die Höhe zu treiben: "Ein 'weiter so!' würde den Trend der Abwanderung der Firmen ins Ausland weiter beschleunigen."

Als Beispiel falscher politischer Rahmensetzungen nannten beide erneut die aktuellen Pläne des Bundesarbeitsministeriums, Zeitarbeit und Werkverträge weiter zu regulieren. "Wir erwarten nun, dass Bundeskanzlerin Merkel Wort hält und alles aus dem Entwurf streicht, was über den Koalitionsvertrag hinausgeht."

Mit Blick auf das aktuelle Flüchtlingsthema warnte Vetter vor übertriebenen Erwartungen hinsichtlich einer schnellen Integration dieser Menschen in Ausbildung und Beschäftigung. Die Bereitschaft auch der M+E-Betriebe, etwas zu tun, sei zwar groß. Auch habe der Verband Südwestmetall insgesamt eine Million Euro zur Unterstützung zur Verfügung gestellt, unter anderem für Projekte in der Region: "Wir dürfen aber nicht verkennen, dass viele dieser Menschen weder über ausreichende Sprachkenntnisse noch über benötigte berufliche Qualifikationen verfügen - laut Agentur für Arbeit haben nur knapp 20 Prozent der Flüchtlinge eine für hier vergleichbare Berufsausbildung."

Dennoch sehe er Chancen, dass die aktuelle Zuwanderung langfristig auch einen positiven Beitrag zur Fachkräftesicherung leisten könne. "Das wird aber selbst im Idealfall fünf bis sechs Jahre dauern, vielleicht noch deutlich länger. Wir reden also nicht über die Fachkräfte von morgen, sondern von übermorgen."

Aber auch für die geringer Qualifizierten unter den Flüchtlingen müssten bestehende Hürden beim Zugang zu Beschäftigung abgebaut werden. Er verwies auf das faktisch bestehende Beschäftigungsverbot für Flüchtlinge in der Zeitarbeit. Diese habe eine wichtige Funktion als Brücke von der Arbeitslosigkeit in den Arbeitsmarkt.

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