Wo Eier vom Himmel fallen

Reutlingen.  Wissbegierige Abiturienten samt Eltern und ein großes Vorführprogramm der Fakultäten: Führungen, Schnuppervorlesungen, Studienberatungen und offene Labors - der Hochschultag war gut besucht.

"Gehst Du bitte mal rüber zur Chemie und machst mir dort einen Labello? Ich hab meinen daheim vergessen!" Diese Studentin hat Insider-Wissen. Die Besucher kamen erst später drauf, was sie in der Fakultät für Aangewandte Chemie der Hochschule Reutlingen alles an Attraktionen erwartete: Düfte, Lichtspiele, Experimente mit Brennstoffzellen - und eben die Sache mit den Lippenstiften.

Zum Tag der offenen Tür am Samstag kamen 4000 Besucher auf den Campus im Hohbuch, bereits am Mittwoch und Donnerstag besuchten 1300 Schüler die Hochschule, um sich beim landesweiten Studientag zu informieren.

"Viele haben uns das Feedback gegeben, dass unsere Arbeit hervorragende Arbeit ist" - und einige durften Selbstgemachtes mitnehmen. So boten die Chemiker den Besuchern unter anderem auch an, duftneutrale Hautcremes und besagten Lippenstift selbst herstellen zu dürfen. Auch Seifen konnten die Besucher herstellen. Wirklich dufte! Ein paar Labor-Räume weiter wurden ätherische Öle gewonnen, außerdem gab es Gaumenfreuden aus der molekularen Laborküche.

Die Fakultät Technik - mithin die Anlaufstelle für an Mechatronik Interessierten - ließ sich ebenfalls nicht lumpen. Dort gabs zahlreiche Roboter-Tricks zu sehen, ein Akku-Schrauber-Rennen, Probefahrten mit Elektro-Fahrrädern und ein Tischkickerspiel, in dem man gegen einen Robotertorwart treffen musste - fast aussichtslos.

Allüberall in den Gebäuden waren auch große und kleinere Unternehmen präsent. Sie informierten über Praktika-Plätze und Ausbildungswege, die es in Zusammenhang mit einem fundierten Hochschulstudium gibt. Zu denen begab sich auch Lucas aus der Nähe von Rottenburg. Der 18-Jährige macht im März Abitur und möchte jetzt schon wissen, wie es weitergehen kann. "Ich interessiere mich für alles, was mit Mechatronik zu tun hat - und suche ein Vorpraktika." Am liebsten würde Lucas, der sich sehr für Fahrzeugtechnik interessiert, universitär in das Fach Leistungselektronik einsteigen.

Silvia (18) aus Entringen, die sich für den Bereich Maschinenbau interessiert, hatte eine ganz tolle Reutlinger Hochschulführerin mit dabei: Ihre Mutter arbeitet dort in der Verwaltung, kennt die Wege. Kein Wunder, dass die junge Frau begeistert war: "Positiv hier ist vor allem die offene und freundliche Atmosphäre." Nach dem "Reutlinger Modell" möchte sie Industriemechanik lernen und gleichzeitig studieren.

Marietta (18) aus Tübingen interessiert sich vor allem für Design und Textildesign. "Die Prozesse bei der Herstellung von Stoffen habe ich mir angeschaut - das war ein guter erster Eindruck." Moritz aus Tübingen ist da schon um einiges weiter, er ist schon 20 Jahre alt und will bei "Transportation Interior Design" einsteigen. "Dort werden nur 18 Leute pro Semester genommen, und ich habe meine Bewerbungsmappe bereits abgegeben."

Und dort war das eigentliche Spektakel des Samstags zu sehen. Studierende der Fakultät Textil und Design machten um 14 Uhr gegenüber der Aula den großen "Egg-Check". Dabei ging es darum, ein Ei in einem selbst gestalteten Flugobjekt aus zwölf Metern Höhe in die Tiefe fallen zu lassen - das Ei sollte dabei jedoch unversehrt bleiben. Prof. Michael Goretzky, Vize-Dekan von Textil und Design, warf die Gerätschaften seiner Studenten aus dem eigens angeheuerten Hubwagen - und unter Applaus der Umstehenden trudelten die Eierbehältnisse gen Boden.

Lehrbeauftragter Hans-Jürgen Lust erklärte, dass die Studierenden schon im ersten Semester diese Grundlagen beherrschen müssen. Die meisten Eier blieben übrigens ganz, denn auch Fallschirme waren erlaubt. Joanna Jarisch (20) hatte mit ihrer Apparatur einen sehr milden "Aufprall": Sie hatte das Ei in eine Styroporkugel verpackt.

Ein weiterer Anziehungspunkt des Tages war das Projekt "Crazy Interior". Das erste Semester des Studienganges Transportation Interior Design hatte die Aufgabe, praktisch aus "Abfall" ein futuristisch wirkendes Interieur zu schaffen, bestehend aus Pappbechern, leeren Mehrwegflaschen und pinkfarbenem Plüsch.

"Unser Ziel war es, hierfür nur Produkte und Materialien zu verwenden, die wir bereits hatten oder die uns geschenkt wurden. So entstand der Komposter." Er stellt "die Verbindung zwischen Nachhaltigkeit und Technik dar", beschrieb die Studentin Nathalie Bucher den Entstehungsprozess.

Auch die Werkschau Design gehörte zu den Attraktionen, so Studiendekanin Brigitte Scheufele. "Die Resonanz war überwältigend - und wir konnten mit vielen jungen Menschen sprechen", sagte Scheufele.


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Autor: JÜRGEN HERDIN | 22.11.2011

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