Wir sind an der Grenze

Wo drückt die Sportvereine in Reutlingen der Schuh? Was sollte verbessert werden? Wir sprachen mit Tom Bader, dem Vorsitzenden der Arbeitsgemeinschaft Reutlinger Sportvereine (ARS).

RALPH BAUSINGER |

Mit der Schließung der Theoder-Heuss-Sporthalle im Beruflichen Schulzentrum für den Schul- und Vereinssport am 22. Juli vergangenen Jahres fielen plötzlich 80 Übungseinheiten für Sportvereine aus der Stadt weg. Vor dem Hintergrund, dass es in Reutlingen an Hallenfläche fehlt, standen die Vereine vor der Frage, wie es weitergehen kann. Doch: "Wir haben's hinbekommen" - dank der Initiative der großen Vereine, der ARS und der Stadtverwaltung, führt Bader aus.

Insbesondere die großen Vereine mussten auf Trainingszeiten verzichten - respektive mehr Mannschaften gleichzeitig in den noch vorhandenen Hallen unterbringen. Die Vereine würden mit diesem Notprogramm über den Winter kommen, zeigt sich der ARS-Vorsitzende zuversichtlich. "Wir sind an der Grenze. Es darf nichts Weiteres passieren" , sagt Bader. Er denkt dabei an die Sperrung der Rennwiesenhalle am 14. Dezember 2015, als ein Dachpaneel unverhofft auf den Hallenboden gestürzt war.

Auch wenn der Gemeinderat sich gegen den Bau einer Sporthalle in Ohmenhausen ausgesprochen hat, ist sich der ARS-Vorsitzende sicher: "Die Hallendiskussion wird in Reutlingen nicht aufhören." Der Mangel an Kapazitäten habe dazu geführt, dass die ARS und das Amt für Schulen, Jugend und Sport Gespräche über die Einführung eines Richtlinienpakets zur Vergabe geführt haben. Mögliche Kriterien könnten der Vorrang von Kindern und Jugendlichen gegenüber Erwachsenen sein, oder auch die Bevorzugung von Leistungs- gegenüber Freizeitsportlern. Doch noch sei nichts beschlossen, sagt Bader, der weiß, dass die Neuerung zu Zwist unter den Vereinen sorgen kann.

Mit rund 600 000 Euro an Sportförderung ab 2017 das sind rund 43 000 Euro mehr als in den Vorjahren - unterstützt die Stadt die 76 Sportvereine. "Wir sind mit der Erhöhung von neun Prozent sehr zufrieden", sagt Bader, erinnert aber auch daran, dass es die erste Erhöhung seit 1997 ist. Er würde sich wünschen, dass die Förderhöhe, wie von der CDU-Gemeinderatsfraktion beantragt, an die Entwicklung der Indexpreise angepasst würde. Als "sehr positiv" charakterisiert der ARS-Vorsitzende die Zusammenarbeit mit Uwe Webers Amt für Schulen, Jugend und Sport - seit vielen Jahren werde versucht, gemeinsame Lösungen zu finden.

Die Erhöhung der Sportförderung hat der Gemeinderat im Dezember auch daran geknüpft, dass die Vereine ihre Mitgliedsbeiträge bis Ende 2016 auf ein vorgegebenes Mindestniveau anheben. So sollen in der ersten Stufe (ab 1. Januar 2017) Mitglieder bis 18 Jahre 24, Mitglieder über 18 Jahre 36 und Familien 60 Euro zahlen. In der Stufe 2 ab 2019 steigen die Beiträge auf die Werte 30-48-70 Euro und in der Stufe 3 (ab 2021) auf 36-60-80 Euro. Aus Sicht der ARS hätte, wie Bader sagt, die erste Stufe ausgereicht.

Insgesamt sind die Sportvereine mit rund 32 000 Mitgliedern beim Württembergischen Landessportbund (WLSB) gelistet. Die Bandbreite reicht dabei vom Kleinverein mit vielleicht 15 oder 18 Angehörigen bis hin zu Großvereinen wie dem TSV Betzingen oder der TSG Reutlingen, die derzeit rund 4500 Mitglieder zählt. Allerdings haben in den vergangenen Jahren nahezu alle Vereine Mitglieder verloren. Besonders stark betroffen ist dabei laut Bader der Kinder- und Jugendbereich - was auch mit der Ganztagesschule mit zunehmendem Nachmittagsunterricht zusammenhängt. Dazu kommt, dass viele Übungsleiter nicht vor 18 Uhr können, selbst wenn freie Hallenkapazitäten vorhanden sein sollten.

Und die Herausforderungen an die Vereine werden nicht weniger: "Es wird in Reutlingen immer schwerer, Leistungssport hervorzubringen, zu finanzieren und zu strukturieren", sagt Bader. Ein weiteres wichtiges Thema ist das ehrenamtliche Engagement: Viele Vereine hätten, so Bader, zunehmend Probleme, einen Vorstand zu besetzen - insbesondere die Funktion des Ersten Vorsitzenden bleibt des Öfteren vakant. Ein weiteres Problem: Immer mehr Aufgaben erforderten einen hauptamtlichen Mitarbeiter, den sich kleinere Vereine aber nicht leisten könnten.

Vor diesem Hintergrund ist es geradezu eine Notwendigkeit, über Kooperationen und - sogar - Zusammenschlüsse nachzudenken. "Ein Verein, der aus 15 Mitgliedern besteht, ist auf Dauer nicht lebensfähig", unterstreicht der ARS-Vorsitzende. Einer der zwei neuen, in der Sportförderung geschaffenen Töpfe dient der Anschubfinanzierung, wenn Vereine kooperieren wollen. Dies kann beispielsweise die Öffnung von Sportangeboten für Mitglieder anderer Vereine, aber auch die Bildung von Spielgemeinschaften oder auch die gemeinsame Nutzung von Sportstätten umfassen. 10 000 Euro pro Jahr stehen hierfür zur Verfügung. Aus dem zweiten, mit 15 000 Euro dotierten Topf, können Integrations- und Inklusionsprojekte bezuschusst werden. Zudem wird die bereits bestehende Förderung der Jugendarbeit um 17 700 Euro aufgestockt.

Was das Schwimmen angeht, das mit dem Antrag der SPD-Gemeinderatsfraktion (wir berichteten) in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt wurde, erkennt Bader zwei große Probleme. Es gebe gerade auch in den Lehrschwimmbecken zu wenig Kapazitäten für Kinder, die schwimmen lernen wollten, sagt der ARS-Vorsitzende. Vereine wie die TSG oder auch der SSV führten inzwischen Wartelisten mit Namen von 70 Kindern, die auf einen Platz in einem Schwimmkurs warteten. Bei Erwachsenen stelle sich die Lage noch schwieriger dar - hier ständen, so Bader, keine Kapazitäten bereit.

Zudem verfüge Reutlingen - mit Ausnahme des Wellenfreibads Markwasen - über kein wettkampfgerechtes Bad mit 50-Meter-Bahnen. Schon vor dem SPD-Antrag hätten Schwimmvereine einen Dialog mit den Stadtwerken begonnen, um zu überlegen, ob die Vereine das Achalmbad nicht auch nach der Schließung um 20 Uhr nutzen könnten - der Trainer würde dann die Aufsicht übernehmen, der Schwimmmeister würde nicht gebraucht. Es sei jedenfalls auch hier an der Zeit, sich neue Konzepte zu überlegen, betonte Bader.

Info Am Dienstag, 2. Februar, 19 Uhr, lädt die ARS die Fraktionen des Gemeinderats und Vertreter der Stadtverwaltung zu einem "Runden Tisch des Sports" ins Höhenrestaurant "Achalm" ein. Dabei wird es auch um die Frage gehen, was der Sport/die Sportvereine für die Gesellschaft leisten.

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