Werde, was immer du willst

Was anfangen mit dem Abitur? Dieser Frage ging das Ensemble der AEG-Theater-AG feinfühlig und vielschichtig im Stück "Fluchtpunkt" nach.

ANNE LEIPOLD |

Ein fester Wohnsitz, eine beste Freundin, glücklich auf einer Wiese liegen, Eltern, die zu Hause sind, ein super Abi, das alle Türen öffnet: Diese Wünsche stammen aus einer anderen Zeit, aus der Grundschule. Festgehalten in Briefen, die sich die Schüler ihrem älteren Ich voller Zuversicht geschrieben haben. Wünsche, die in Sophies (Ricarda Boley) Augen, jetzt kurz vor dem Abitur, nur Mist sind, von ihr zerknüllt und zerrissen.

Sie sind mitten drin, haben das Abitur fast in der Tasche, die Zukunft ist zum Greifen nah und eine Frage bleibt: "Was machst du nach dem Abitur?" Eine Frage, die nicht nur die Abiturienten, sondern das gesamte Umfeld etwas anzugehen scheint. Kira (Pauline Reusch) steht allein in der Aula der Schule, das Licht ist allein auf sie gerichtet. Ihre ehrliche Antwort: "Keine Ahnung!" Die Möglichkeiten sind vielfältig, prasseln von allen Seiten aus dem finsteren Treppenhaus auf sie ein: Verfolgen, erfassen, verhandeln, beraten, zeichnen, bauen, entwickeln, unterrichten. Der Kopf schwirrt. Warum kann sie nicht einfach alles auf sich zukommen lassen?

"Ist nicht alles am Ende sowieso ohne Bedeutung?" Sei es nicht egal, was man am Ende werde, wenn man eh im Altenheim vergammle? Warum sich dem stellen und nicht gleich den Sprung in die Tiefe wagen? Der Teddy fällt. Ist Suizid die Lösung? Nein, sagen die Mädchen, es gebe sicher Möglichkeiten, die jetzt noch nicht zu sehen sind. Und: "Du lässt immer jemanden zurück", ist die eindringliche Antwort.

Das vom zehnköpfigen Ensemble unter Leitung von Cordelia Honigberger selbst entwickelte Stück "Fluchtpunkt" geht tief, lässt ungefiltert ins Seelenleben blicken und spiegelt durchaus das wieder, was die Darsteller selbst bewegt, wie Carolin Günther und Luzie Ambros nach der Vorstellung erzählen. Die Figuren sind vielschichtig angelegt. Sie eröffnen aufgrund jeder einzelnen Geschichte, die hinter der jeweiligen Figur steckt, viele Blickwinkel und zeigen, wie unterschiedlich jeder mit der gleichen Frage umgeht. Sie ringen nicht nur mit ihren Zukunftsfragen, ein jeder hat ein Päckchen persönlicher, familiärer Probleme zu tragen, die zum Teil emotional berühren. Emilia (Arntraud Palmer) leidet unter dem Verlust der Mutter, lässt mit ihrer einfühlsamen Darbietung einen Kloß im Hals entstehen. Melissa (Sarah Sosnowski) kämpft um die Anerkennung ihres Vaters, beraubt sich durch ihren Erfolgsdruck aber jeder Freiheit, die sie zuletzt versucht zu erlangen. Sophie scheint unnahbar, rebellisch, leidet unter ihrer Selbstverletzung.

Der Schulalltag aber muss dennoch bewältigt werden: Unterricht, Mathe-Nachhilfe, die Frage nach dem Abi-Denkmal, Abi-Party. Dazwischen die Angst, Fehler zu machen, nicht gut genug zu sein, der Wunsch jemand anderes zu sein, einmal unperfekt sein zu dürfen. Und weiter die Frage: "Was soll ich werden?" Die Antworten darauf geben sich die Schüler gegenseitig: "Du sollst das werden, was immer du willst." In ihrer Unterschiedlichkeit sind sie sich letztlich eine Stütze und fördern vielleicht das zu Tage, was eigentlich zählt: "Ich will nichts werden, ich will sein!"

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