Wenn Geschichte lebendig wird
Reutlingen. ". Schüler des Abiturjahrgangs luden jetzt ins List-Gymnasium zum Zeitzeugeninterview. Zusammen mit ihrer Lehrerin sprachen sie mit zwei ehemaligen DDR-Bürgern über das Leben im totalitären Staat.
Woher kennen wir denn die Geschichten von früher?", fragte Geschichts- und Deutschlehrerin Janina Edel das Publikum. "Nur aus Büchern", antwortete ein Schüler. Das sollte sich an diesem Abend ändern. Gekommen waren Anne Claußnitzer und Klaus Hönemann, ehemalige Bürger der DDR.
Vier Schülerinnen des Abiturjahrgangs befragten die beiden zu ihrem Leben im ehemaligen Arbeiter- und Bauernstaat. Anne Claußnitzer, die 1983 mit 24 Jahren durch eine legale Ausreise nach Westdeutschland kam, erinnert sich sehr gut an ihre Kindheit und Jugend: Wenn Besuch aus dem Westen kam, und dieser die Reise nach Dresden heldenhaft auf sich nahm, wenn man nie wusste, wer einem gegenüber saß. War es einer, der sich ehrlich interessierte oder einer, der von der Stasi zum Aushorchen gekommen war?
"Doch man entwickelt einen siebten Sinn für solche Menschen oder Situationen, in denen man beobachtet wird", sagte die 52-Jährige. Später hat sie ihre Stasi-Akte eingesehen. "Das war ein großer Schock für mich", sagt Claußnitzer. Seit der achten Klasse stand sie unter Beobachtung. Für Claußnitzer war es eine schmerzhafte Erfahrung zu sehen, wer sie ausspionierte.
Klaus Hönemann lebte bis zu seinem 46. Lebensjahr in der Deutschen Demokratischen Republik. Vom Kindergarten bis ins Berufsleben prägte ihn der Sozialismus. Wenig Positives fällt ihm ein, wenn er zurückdenkt. "Alles Positive wie die Vollbeschäftigung war ja künstlich gemacht, ebenso die Ganztagesbetreuung für Kinder", so der 68-Jährige. Doch die Schulbildung in den naturwissenschaftlichen Fächern war sehr gut, erinnert er sich.
Sehr ungern denkt Hönemann an das Doppelleben, das er und seine Familie jahrelang führen mussten. "Ich trat in die Freie Deutsche Jugend (FDJ) ein, nur um das Abitur machen zu dürfen. Da schrieb ich Aufsätze, die die Regierungsform der DDR in den höchsten Tönen lobten", erzählt Hönemann. Doch in ihm sträubte sich alles gegen das Regime.
Nach einem gescheiterten Fluchtversuch im Sommer 1989 gelang Hönemann und seiner Familie das Vorhaben schließlich im September. Es konnte ja keiner wissen, dass zwei Monate später die Mauer fallen sollte. Mit der Bahn und zu Fuß ging es teilweise an den Schienen entlang über Budapest in den Westen, wo die Familie freundlich aufgenommen wurde. Trotzdem waren diese Tage der Flucht "die schlimmsten meines Lebens", gesteht Hönemann. Heute lebt der gebürtige Leipziger in Ludwigsburg.
Die Ankunft in der Bundesrepublik erlebten beide Zeitzeugen mit gemischten Gefühlen. Alles war neu und aufregend und doch - in mancherlei Hinsicht fühlten sich die ehemaligen DDR-Bürger überfordert. Claußnitzer wollte im Supermarkt eine Tube Zahnpasta kaufen. Sie sah im Regal 20 verschiedene Sorten und wusste mit diesem Überfluss nicht recht umzugehen. "Ich bin ohne etwas zu kaufen aus dem Laden gegangen", sagte Claußnitzer, die diese Geschichte schon oft ihren Kindern erzählte. Heute lebt die Buchhändlerin in Reutlingen.
Das Interesse der 70 Schüler ist groß. Da sind ganz praktischen Fragen an eine Zeit, als die Abiturienten noch nicht geboren waren. Eine fragt, wie Hönemann und seine Familie das ganze Gepäck transportierten. "Wir gingen nur mit dem, was wir am Körper trugen, und einer Tasche, in der wir Getränke und Schokolade hatten. Alles andere wäre zu auffällig gewesen", so Hönemann. Zeugnisse und Dokumente der Familie versteckte Hönemanns Bruder im Hühnerstall.
Wie die Gefühle gegenüber Staatstreuen seien, die es im Westen nach dem Fall der Mauer zu viel gebracht haben? Sichtlich bewegt antwortet Claußnitzer: "Das ist ein ganz schwieriges Thema." Einmal habe einer jener Linientreuen zu ihr gesagt, sie hätte sich ja ebenfalls dem Staat treu ergeben können, dann hätte auch sie keine Probleme gehabt - "da wird man ganz schön wütend," sagte Claußnitzer.
Und: Was halten die beiden von der "Ostalgie"? "Gar nichts!", sagt Hönemann bestimmt. Claußnitzer aber kann verstehen, warum viele Bürger der ehemaligen DDR dieser nachtrauern: "Sie lebten angepasst, wurden optimal vom Staat versorgt und genossen das behütete Leben." Sie selbst ist froh, dass dieses System der Vergangenheit angehört.
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Autor: REBEKKA EYRICH | 07.02.2012
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Beim Zeitzeugeninterview des Friedrich-List-Gymnasiums: Anne Claußnitzer, die 1983 mit 24 Jahren in den Westen kam, sowie der 68-jährige Klaus Hönemann, der kurz vor dem Mauerfall aus der DDR floh. Foto: Rebekka Eyrich
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