Wachstumsepoche läuft aus

Reutlingen.  SPD-Urgestein Erhard Eppler ist für seine klaren Worte bekannt. Die wählte er auch am Sonntag in der Kreuzkirche. Erklärte der einstige Vordenker doch das Ende der bisher gekannten Wachstumsepoche.

Wachstum, Wachstum, Wachstum - für viele ist das das einzige Credo für eine funktionierende Wirtschaft. Denn nur wer wächst, könne auch seinen bisherigen Standard erhalten oder sogar verbessern.

Einer, der diese These nie vertreten hat, ist hingegen Erhard Eppler, SPD-Urgestein, ehemaliger Bundesminister und Vertreter des linken Parteiflügels, der für seine klaren Worte bekannt ist. Und die wählte er auch am Sonntag in der Kreuzkirche. Hatte die Gemeinde doch den streitbaren und nimmermüden Politiker zu einem Vortrag eingeladen, der sich mit dem Thema Wachstum auseinander setzte.

Dem Exkurs in Sachen Wachstumsdefinition folgte jedoch schnell Erhard Epplers persönliche Einschätzung. Denn: "Wachstum ist eine statistische Zahl." Gegen diese sei zwar an sich nichts einzuwenden, doch werde sie von vielen zum politischen Ziel gemacht und sei für manche sogar das einzig erkennbare Ziel.

Laut Eppler begebe man sich dadurch aber in eine Abhängigkeit, die der Wirtschaft in die Hand spiele. Könnten Unternehmen doch für sich proklamieren, dass sie Wachstum produzieren. Fazit hieraus seien immer wieder Rufe nach Steuersenkungen oder beispielsweise Lockerung des Kündigungsschutzes. Und da würden die Wünsche auch von Politikern erfüllt, von denen man das nicht erwarte.

Was zur derzeitigen Negativspirale geführt hat, findet seine Ursprünge laut dem SPD-Mann aber bereits in den 70er Jahren. Damals sei nämlich nicht akzeptiert worden, dass das Wachstum der späten 60er und frühen 70er Jahre bereits abgeflacht sei. Immer neue Schulden seien deshalb aufgenommen worden, um das Wachstum anzukurbeln. Letztlich habe das nicht nur zu einer Übermacht der Finanzmärkte geführt, Eppler zweifelt auch an, ob Menschen besser leben, wenn sie privat immer reicher würden. Denn die früheren Vorteile des in der Stadt arbeiten und beispielsweise auf dem Land leben, seien durch die Verkehrsdichte längst egalisiert.

"Wenn alle auf den Zehenspitzen stehen, sieht keiner besser", sagte Eppler weiter und ergänzte mit den Worten des sozialkritischen Autors Meinhard Miegel: "Für die alten Industriestaaten gilt: Die Epoche des Wachstums läuft aus." Denn durch die Staatsschuldenkrise sei man an einem Punkt angelangt, der Wachstum durch weitere Verschuldung unmöglich mache. Schließlich würden die Finanzmärkte für neue Schulden immer höhere Zinsen verlangen, die letztlich auch für die Altlasten bezahlt werden müssten. Darüber hinaus würde das alte Rezept der Steuersenkung nicht mehr funktionieren.

Trotzdem konnte sich Eppler dem Wachstum nicht ganz entziehen. Doch nicht für das "wie viel", sondern für das, "was ganz bewusst wachsen soll", plädierte er. Dabei sprach er sich unter anderem für die Konzentration auf erneuerbare Energien auch ohne Kohle und Öl aus. Schließlich gehe es letztlich darum, dass die künftige Epoche nicht von einer Diskussion um die Größe des Wachstums geprägt sein soll, sondern davon, was in einer Gesellschaft wachsen soll, "damit wir ordentlich leben können".


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Autor: JAN ZAWADIL | 15.11.2011

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