Von der Strenge der Elektrobeats

Reutlingen.  Schwarze Gestalten, eisenharte Rhythmen: Das ist Diorama, die einzige Reutlinger Popband, die derzeit den internationalen Durchbruch geschafft hat. Im Kulturzentrum franz.K gab sie ein umjubeltes Heimspiel.

Da haben uns die Veranstalter vom franz.K nicht zu viel versprochen: Eine Reutlinger Band, die in ihrer Heimatstadt vergleichsweise unterrepräsentiert ist, in den internationalen Alternativcharts aber seit Jahren für Furore sorgt. Eine Band, die mit ihren harten, monotonen Rhythmen nicht nur deutsche Dark-Wave-Fans begeistert, sondern auch in amerikanischen, japanischen und russischen Clubs gespielt wird.

Nach dem Auftritt der ebenfalls zur deutschen Elektro-Szene zählenden "In Strict Confidence" betritt das Trio um Sänger und Songwriter Torben Wendt kurz vor 22.30 Uhr die Bühne. Diorama zeigt von Beginn an, was es bedeutet, zwei Stunden lang außer Rand und Band zu sein. Dazu spielen sie zur Freude der Zuhörer mehr alte Hits als Titel vom neuen Album "Cubed" in einem wohlmeinenden Best-Of-Programm.

Diorama schafft eine Konzertatmosphäre, die den schmalen Grat zwischen Amüsement und Coolness zu nutzen weiß. Die Beats krachen laut und stakkatomäßig von der Bühne. Torben Wendt und seine vier Bandmates strotzen vor Energie und schleudern rohe Songs auf Englisch und Deutsch in die Menge.

Meist zuckeln und ruckeln sie ungestüm, selten fließen sie so relaxt und entspannt wie bei den Songs "Sign" oder "My Conterfeit". Auf der Bühne erzeugen Torben Wendt, Bernhard Le Sigue, Sash Fiddler, Felix Marc und Drummer Markus Halter die Atmosphäre einer Großstadtdisco: nüchtern und zugleich pompös, egoman und dennoch fähig, eine trendbewusste Szene an sich zu fesseln. Zudem ist ihre Musik eine sichere Bank, wenn es darum geht, lautstark das Haus zu rocken.

Es gelingt ihnen, den Spannungspegel konstant am oberen Ende der Skala zu halten. Ohne dramaturgische Zwischenbremsungen. Das allein ist schon eine Kunst. Dazu mimt Mastermind Torben Wendt im Spannungsfeld von Perfektion und Melancholie den Charismatiker, Eintänzer, Anheizer und Prediger in Personalunion. Mal hebt er den Arm ein wenig zur Anfeuerung, dann steht er kopfschüttelnd in Hartmut-Engler-Pose da und lässt sich feiern. Den Eigenkompositionen verleiht er mit seiner satten Stimme mal morbiden, mal entrückten Glanz.

Seit ihrem Auftritt im Vorprogramm von Dark-Wave-Ikone Anne Clark vor einem Jahr vollzieht sich die Entwicklung der Band längst nicht mehr in Sprüngen, sondern nur noch in Nuancen. Die Beats wirken noch unerbittlicher, der Sound ist noch lauter und perfekter, büßt dadurch aber auch ein wenig an Kanten ein und verliert vor allem die Euphorie des Neuen. Live wird das spürbarer denn je. Die verschwenderische Kraft von Gitarre, Synthie, Bass, Schlagzeug und Gesang hat gegen die fast stählerne Standfestigkeit, gegen die geradezu grausame Strenge der Elektrobeats kaum eine Chance.

Ein geglücktes Heimspiel ist der Auftritt von Diorama trotzdem. Die Reutlinger Zeremonienmeister des Elektro-Pop werden, soviel steht fest, ihre Heimatstadt in bester Erinnerung behalten - was auf Gegenseitigkeit beruht.


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Autor: JÜRGEN SPIESS | 25.03.2010

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