Talente noch besser fördern

Reutlingen.  So sieht praktische Inklusion aus: Wie schon im Vorfeld berichtet, hat das Tonne-Theater nun in Zusammenarbeit mit der Bruderhaus-Diakonie sechs Teilzeitarbeitsplätze für Schauspieler mit Handicap eingerichtet.

"McBeth", "Der fliegende Holländer", "Dorian Gray": Jedes Jahr bringt die Baff-Theatergruppe an der Tonne ein neues Stück heraus und bildet mittlerweile eine eigene Sparte am Haus. Diese Sparte soll nun weiter professionalisiert werden. Jetzt sind sechs Teilzeitarbeitsplätze für Menschen mit Behinderung eingerichtet worden - in Kooperation mit Bruderhaus-Diakonie, Baff-Verein (Bildung, Aktion, Freizeit, Feste) und wissenschaftlich begleitet durch die Fakultät für Sonderpädagogik der Pädagogischen Hochschule (PH) Ludwigsburg/Reutlingen.

Tonne-Intendant Enrico Urbanek entdeckt bei seiner Arbeit mit der Theatergruppe mit Menschen mit Behinderung bei seinen Schauspielern immer wieder neue Talente und Begabungen. Deshalb entwickelte er die Idee, diese Talente noch besser zu fördern, als dies in der wöchentlichen Probe möglich ist. Und zwar durch professionelle Dozenten und im Rahmen eines künstlerischen Arbeitsplatzes.

So arbeiten nun Dunja Fuchs, Bahattin Güngör, Jochen Rominger, Franziska Schiller, Stephan Wiedwald und Walter Rebstock, die alle bisher schon an der Tonne geschauspielert haben, seit vergangener Woche Teilzeit an der Tonne. Sie werden dafür zwei Tage in der Woche von ihren Arbeitsplätzen in den Bruderhaus-Werkstätten freigestellt.

Deren Auftrag ist es sowieso, nicht nur Arbeitsplätze zu schaffen, sondern auch für Bildung und Qualifizierung zu sorgen. Weshalb sich auch der Kostenträger schnell für das Projekt begeistern ließ. Die Paul-Lechler-Stiftung fördert das zweijährige Qualifizierungsmodell außerdem mit insgesamt 30 000 Euro für die Dozenten.

Die körperlich oder geistig behinderten Schauspieler erhalten nun während ihrer zwei Arbeitstage an der Tonne jeweils sechs Stunden Unterricht in Sachen Choreographie, Schauspiel, Textlernen, Sprechkunst, Bildender Kunst, Bewegung, Gesang und Allgemeinbildung.

Solche "betriebsintegrierten Arbeitsplätze" sind auch in anderen Branchen üblich und haben laut Bruderhaus-Werkstätten-Leiter Gerhard Droste das Ziel, die Teilhabe am "normalen" Arbeitsmarkt zu ermöglichen, und für einige Beschäftigte sogar langfristig eine Anstellung am ersten Arbeitsmarkt zu erreichen. Seine "ausgelagerten" Mitarbeiter haben nun praktisch für zwei Tage die Woche einen "anderen Auftrag" und zwar einen künstlerischen.

Den Künstlern ist zur Seite gestellt ein Jobcoach, der normalerweise Menschen mit Handicap in einen "normalen" Betrieb einarbeitet: Dominik Engel steht nun selbst vor einer großen Herausforderung, weil er wie die anderen am Schauspielunterricht teilnimmt, Tanzen, Malen, Atemübungen inklusive.

Ansonsten vermittelt und "übersetzt" er zwischen den behinderten Schauspielern und den Dozenten, organisiert Termine, macht die Urlaubsplanung und kümmert sich um alle anderen arbeitsrechtlichen Belange. Er ist außerdem die Schnittstelle zwischen den beiden Arbeitsplätzen und dem (Wohn-)Umfeld der Schauspieler, vermittelt in Konflikten, erstellt die erforderlichen Förderpläne und lotet die Grenzen der Belastbarkeit aus. Ob und wie das Projekt, das erst einmal auf zwei Jahre angelegt ist, funktioniert, das wird von Studierenden der PH für Sonderpädagogik wissenschaftlich untersucht. Federführend dabei ist Prof. Elisabeth Braun, die mit ihren Studierenden auch schon bei bisherigen Baff-Tonne-Theaterprojekten mitmischte, und die gemeinsam mit Rosemarie Henes (Baff) das mittlerweile auch schon legendäre Festival "Kultur vom Rande" organisiert.

Eine "Sensation, dass so etwas an einem normalen Theater passiert", findet Prof. Elisabeth Braun und freut sich, so ein spannendes Forschungsfeld "gleich vor der Haustür" zu haben. Ihre Studierenden untersuchen für ihre jeweiligen Masterarbeiten in teilnehmender Beobachtung sowohl die biographischen Effekte des Projekts, als auch, wie das Netzwerk aus Theater, Werkstätten und Bildungseinrichtung funktioniert. Und an was es liegen könnte, wenn jemand wieder aussteigt. Zudem gehen sie der Frage nach, ob Theater tatsächlich ein "Lernprozess in Laborsituation" ist, der auch für "draußen" genutzt werden kann. Wenn dem so sei, sagt Prof. Elisabeth Braun, "dann muss man das unbedingt noch viel mehr Leuten gönnen".


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Autor: KATHRIN KIPP | 26.01.2012

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