Stuttgart 21: Keine Vorteile für Region
Reutlingen. Weniger Gleise, weniger Kapazitäten und darüber hinaus Nachteile für die Region: Die Grün-unabhängige Stadtratsfraktion hat jetzt in einer Presseerklärung Stellung zu "Stuttgart 21" bezogen.
Während Landrat Thomas Reumann, OB Barbara Bosch und die Bürgermeister der Region in der Presse die sattsam bekannten Argumente pro "Stuttgart 21" wiederkäuen, von "Chancen für die Region" reden und in ihren Statements die Nachteile des Milliardenprojektes großräumig umfahren, machen sich die Grünen und Unabhängigen im Gemeinderat ganz andere Gedanken. Schon jetzt nämlich werde - so Stadtrat Dr. Peter Hörz - deutlich, dass weniger Gleise am Stuttgarter Hauptbahnhof mehr Chaos im Fahrplangefüge bedeutet.
Der Interregio-Express (IRE) von Stuttgart nach Reutlingen-Tübingen und Albstadt-Ebingen sei bereits heute, so Hörz, regelmäßig deutlich verspätet, weil sich Verspätungen im Fernverkehr jetzt unmittelbar auf den Regionalverkehr auswirken. "Und das", sagt Hörz, sei "erst der Anfang, denn der schnelle IRE, der Reutlingen nicht nur mit der Landeshauptstadt, sondern auch direkt mit der Zollernalb verbindet, wird künftig so überhaupt nicht mehr fahren, weil die auf dieser Strecke eingesetzten Dieselzüge in den neuen U-Bahnhof nicht mehr einfahren dürfen."
Stadträtin Özlem Isfendiyar indessen weiß zu berichten, dass vielen Menschen erst jetzt klar wird, was sie durch "Stuttgart 21" verlieren werden: "Seit etwa zwei Wochen werde ich fast täglich von Reutlinger Bürgern angesprochen, die von Beeinträchtigungen im Regionalverkehr von und nach Stuttgart berichten und zu Recht fürchten, dass dies während der nächsten zehn Jahre so bleiben könnte." Und mehr noch: "Das Schlimmste ist, dass man den Menschen noch nicht einmal sagen kann, dass nach dem Umbau des Stuttgarter Hauptbahnhofs alles besser wird."
Für die Grünen ist demnach völlig unverständlich, weshalb sich der Landrat, die Reutlinger OB und die Bürgermeister der Umgebung so eindeutig positiv zu "Stuttgart 21" geäußert haben. "Ganz offensichtlich", so Stadtrat Marcellus Kolompar, "ist den Verantwortungsträgern in der Region noch nicht bewusst geworden, dass weniger Gleise im Stuttgarter Hauptbahnhof auch weniger Kapazitäten für das Krisenmanagement im Verspätungsfall bedeuten." Und dies gelte ja nicht nur für die Bauzeit, sondern für die nächsten 100 Jahre. Denn wenn der neue Stuttgarter Bahnhof erst einmal da sei, dann wird so schnell kein Geld für Erweiterungen und Nachbesserungen zur Verfügung stehen.
Besonders ärgert die Reutlinger Rats-Grünen, dass mit dem Projekt "Stuttgart 21", wie Hörz sagt, "ohne Not an allen Ecken und Enden Kapazitäten verringert werden, die man schon jetzt, vor allem aber in der Zukunft dringend braucht."
Dies gilt für den insgesamt zu klein dimensionierten neuen unterirdischen Bahnhof, auf dem das Umsteigen zwischen Regional- und Fernverkehr zur Tortur werden wird. Dies gilt aber auch für die "Wendlinger Kurve", über die künftig ein Teil der Regionalzüge von Stuttgart nach Tübingen aus der Neubaustrecke auf die vorhandene Trasse zwischen Wendlingen und Tübingen geführt werden soll.
"Um Kosten zu sparen, wird diese Kurve nämlich nur eingleisig gebaut", sagt Hörz. "Wenn die Wendlinger Einschleifung aber nur eingleisig gebaut wird, dann gibt es keine kreuzungsfreie Ein- und Ausfahrt in die Neubaustrecke."
Genau eine solche aber bräuchte man, um - gerade dann, wenn das Fahrplangefüge nicht mehr stimmt - dafür sorgen zu können, dass sich eine einzelne Zugverspätung zwischen Frankfurt und München nicht gleich bis Reutlingen und Tübingen auswirkt.
"Wir haben gewiss nichts gegen Investitionen in eine leistungsfähige Schieneninfrastruktur", resümiert Isfendiyar, die sich bei solider Bedarfserhebung und umsichtiger Planung durchaus mit einer Hochleistungsstrecke zwischen Stuttgart und Ulm anfreunden kann.
"Stuttgart 21" aber sei keine Investition in mehr und bessere Schienen, sondern ein Projekt, das spezifischen Verwertungsinteressen an Grund und Boden in Stuttgart dient. Vor allem aber, so setzt Hörz hinzu, werde "Stuttgart 21" keine Vorteile für die Region bringen, nicht während der Bauphase, die erst noch richtig losgeht und nicht nach der Vollendung, auch wenn uns inzwischen auch Landrat, OB und Bürgermeister aus der Region dies so zu erklären versuchen.
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07.10.2010
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