Stille und ein Lächeln

Reutlingen.  Sie schauen frech, traurig und strahlen. Die Ausstellung "Sichtlich Mensch - Menschen mit Behinderung fotografieren Menschen mit Behinderung" in der VHS zeigt, dass man Menschen in Bildern begegnen kann.

Gerade einmal einen Tag hingen die Bilder bis zur Ausstellungseröffnung in der Volkshochschule - und schon haben sie vielfältige Reaktionen hervorgerufen. Thomas Becker beobachtete, wie Menschen die Treppe hoch kamen oder aus dem Fahrstuhl stiegen, verblüfft stehen blieben und lächelten. Er erlebte einen Mitarbeiter, der ganz untypisch einfach still wurde und zu lächeln begann. Eine seiner Mitarbeiterinnen stellte fest: "Du, diese Fotos sind sagenhaft - diese Lebensfreude."

Es ist bereits die Eröffnung vor der Eröffnung. Die Ausstellung "Sichtlich Mensch - Menschen mit Behinderung fotografieren Menschen mit Behinderung" ist Bestandteil des Festivals "Kultur am Rande", das vom 14. bis 21. Mai in Reutlingen stattfindet. Ein vergleichbares Fotoprojekt ist Becker nicht bekannt. "Das ist ein ganz einzigartiges Projekt." Wie einzigartig, zeigte eindrucksvoll der 15-minütige Dokumentarfilm "Zusammen neue Wege beschreiten" zur Entstehung der Bilder. "Also man darf schon mal ruhig merken, dass wir auch da sind", sagt Helmut Nemitz, einer der Teilnehmenden zu Beginn. Der Film stimmte ein auf Menschen, die auf zwei Stockwerken der VHS den Besuchern entgegenblicken - in ganz unterschiedlichen Stimmungen, aber immer mit spürbarer Lebensfreude. Der Film zeigt die Freude, den Spaß und die Kreativität beim Positionieren vor wie auch hinter der Kamera.

"Das Projekt hat viele Nachwirkungen, hat viel bewegt", ist der Biberacher Fotograf Andreas Reiner über die Entwicklung erfreut. Andere Kommunen haben diese Idee bereits adaptiert. Die Teilnehmer konnten aus dem Projekt eine gesunde Portion Selbstvertrauen und Stolz mitnehmen. In Biberach seien sie Stars, erzählt Reiner. Es ist ihm wichtig, immer wieder zu betonen, dass die Menschen mit so genannter Behinderung für die Bilder verantwortlich sind, er nur der Impulsgeber ist. Freunde haben sich hier gegenseitig fotografiert, denn Vertrauen sei die Basis. Darum sind die insgesamt 80 großformatigen Porträts auch so wunderbar authentisch.

Selbstbewusst, gelöst, mal frech, mal verträumt schauen die Porträtierten den Besucher an. "Sichtlich Mensch haben Leute gemacht, die sich kennen, die sich absichtlich in allen möglichen Stimmungen und Stellungen erwischt haben", beschreibt Elisabeth Braun, Professorin für Kulturarbeit in sonderpädagogischen Arbeitsfeldern von der Fakultät für Sonderpädagogik der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg die Porträts in ihrer Würdigung treffend. Die Menschen seien alles andere als glückliche Zufälle, sie würden zeigen, "dass man in Bildern einem Menschen begegnen kann". Zudem hätten die Bilder alle etwas, "was uns neugierig auf die Fotografierenden macht".

Die Ausstellungseröffnung war denn auch der richtige Rahmen, für die Musik des BAFF-Kurses "Stimme, Text, Musik - Dialogische Improvisationen". Unter der Leitung von Inga Brüseke am Klavier boten drei der Kursteilnehmer ein erfrischendes Stimmenspiel zu den Texten von Ernst Jandl und Kurt Schwitters.

Die Neugier über die Fotografierten stillen und an der Lebensfreude der Porträtierten teilhaben kann der Besucher noch bis zum 9. Juni im Haus der Volkhochschule zu den üblichen Öffnungszeiten: montags bis freitags von 8.30 bis 21 Uhr, samstags von 8.30 bis 17 Uhr. Andreas Reiner wird ebenfalls seinen Teil zu "Kultur am Rande" beitragen und während der Festivalwoche in Reutlingen Passanten für ein Foto mit Unbekannten auf seinem roten Sofa platzieren.


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Autor: ANNE SCZESNY | 13.05.2011

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