Steinmaier: "Lasst die Umfragen mal beiseite"

Der Landtagswahlkampf nimmt Fahrt auf: Nach Terminen in Stuttgart am Sonntag besuchte SPD-Außenminister Frank-Walter Steinmeier am Montagvormittag auch geladene Genossen in Reutlingen.

Peter U. Bussmann |

Der Ort der Begegnung war mit Bedacht gewählt: Das „En Ville“, die Vinothek da Alfredo in der Oberamteistraße, blickt auf über ein Vierteljahrhundert als Treffpunkt politischer Insider zurück. Legendär der von Reutlingens Ex-Landesminister Hermann Schaufler mitbegründete Stammtisch mittlerweile ergrauter Eminenzen, an dem so manche Strippen gezogen wurden. Selbst leibhaftige (Ex)-Bundesminister sind in dem Feinschmecker-Treff keine Seltenheit, berichtet Inhaber Alfredo Leocata stolz und spielt auf dem Smartphone ein Video ab, in dem SPD-Grande Peer Steinbrück im April vor Ort Grüße an Schaufler ausrichten lässt.

Gut 50 geladene Sozialdemokraten aus der Region, darunter die Bürgermeister Elmar Rebmann aus Bad Urach und Alexander Schweizer aus Eningen, drängten sich gestern Vormittag im überschaubaren Gastraum zwischen Tresen und Fingerfood-Buffet und begrüßten die mit 20 Minuten Verspätung eintreffende Politprominenz mit Applaus. Der Chefdiplomat hatte den frühlingshaften Tag – übernachtet hatte er mit seinem Tross auf der Achalm – zu einem ungehinderten, nur von wenig Personal begleiteten Gang durch die Fußgängerzone an der Seite des Reutlinger SPD-Landtagsabgeordneten Nils Schmid genutzt.

MdL-Kollege Klaus Käppeler aus dem Wahlkreis 61 hatte die beiden Spaziergänger vor dem Lokal in Empfang genommen und zuvor den wartenden Journalisten von einem „Dilemma“ berichtet. Zum Gea-Wahlpodium – Dienstag, 23. Februar, 19 Uhr, in der Brühlhalle in Undingen und Montag, 29. Februar, 19.30 Uhr, in der Stadthalle Reutlingen – wurden nicht nur die vier im Landtag vertretenen Parteien und die im Bundestag sitzende Linke eingeladen, sondern angesichts des sich abzeichnenden zweistelligen Wahlergebnisses auch die AfD.

Die Debatte mit dieser „NPD im Schafspelz“, die eine „völkische Ideologie“ verbreite mit „durchgeknallter Argumentation“, so die deutliche Einschätzung der SPD-Basis, wird Nils Schmid als Landesvorsitzender erklärtermaßen nicht führen, betonte der Reutlinger auch gestern wieder auf Nachfrage.

Die Landespartei überlässt es aber den Abgeordneten, sich frei zu entscheiden. Dem Zwiefalter Käppeler hat sein Wahlkampfteam geraten, sich der Diskussion zu stellen. „Vermutlich werde ich mich dem nicht entziehen“, verriet er gestern.

„Wir haben einen harten Wahlkampf vor uns“, stimmte drinnen Nils Schmid die Freunde der Partei im Umfragetief ein. Wie auf dem Parteitag stellte er die Leistung des „starken Regierungsteams der SPD“ heraus: „Wir können stolz auf das Erreichte sein und müssen in den letzten sechs Wochen das auch herausarbeiten“, gab er den Weg vor.

Der gebürtige Detmolder (Ostwestfalen-Lippe) Steinmeier, vor wenigen Tagen 60 geworden, gestand, dass er gerne in den Südwesten komme „wegen der kulinarischen Köstlichkeiten“. Und er verstehe die Stimmungslage der Genossen, die „mit der Situation nicht zufrieden sein können“ – Ähnliches habe er in Bonn auch schon gehabt.

Der Polit-Profi beklagte, dass es aktuell „keinen echten Wettbewerb der Themen“ gebe, sondern „nur ein vorherrschendes“. Dabei müssen „wir aber Vor- und Nachteile der Grenzschließung abwägen“, widersprach er dem Koalitionspartner. Die Wirtschaft im Land würde schnell die Konsequenzen spüren. Es gelte, nun „das ganze Bündel von Maßnahmen durchzusetzen inklusive Verschärfung des Sexualstrafrechts“, die Außengrenzen Europas zu schützen und mit der Türkei ein Paket zu vereinbaren, damit „die Flüchtlinge in der Nachbarschaft Syriens bleiben können“. Drei Milliarden Euro stelle man dafür zur Verfügung. „Wir machen national, was geht“, darüber hinaus müssen europäische Lösungen her.

Und Steinmeier lobte die SPD in Bund und Land: „Wir haben in vielen Themenfeldern geliefert!“ Deshalb riet er, „die Umfragen mal beiseite zu lassen und selbstbewusst in den Wahlkampf zu ziehen“. „Glück auf“, schloss er und widmete sich dem Dialog mit den Gästen. Die waren ob der Nähe geschmeichelt und suchten rege das Gespräch. Denn das sollte die Begegnung mit Mitarbeitern und Wahlkämpfern: „die Leute anspornen, motivieren und Mut machen“, erklärte Schmid.

„Neuigkeiten“ machte deshalb auch Helmar Ulbricht, 80-jähriger Parteigenosse aus Eningen, am Ende nicht aus, „doch es war nett, dass man bei sowas mal dabei war“.

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