Sich nicht nur als Konsument definieren

Reutlingen.  Eine große Chance der Menschheit oder ein Abdriften in den Abgrund? "Wir leben in einer spannenden Zeit", sagte der 71-jährige Prof. Meinhard Miegel beim Kreissparkassen-Forum in Reutlingen.

Er ist schon lange ein Wachstums-Kritiker: Der 1939 geborene Soziologe, Philosoph, Rechtswissenschaftler und Vorsitzende des "Denkwerks Zukunft" sprach sich am Donnerstag im Sparkassen-Forum vehement gegen "das Heilsversprechen des fortwährenden Höher, Weiter, Schneller" aus. Und er begründet auch, warum: Hunderte von Jahren sei das Einzige, was der Mensch auf der Erde zum Wachsen brachte, das Korn auf dem Feld oder die Kartoffeln im Acker gewesen. Größtmögliche Produktivität sei nie sein Anliegen gewesen. Angela Merkel habe nun vor ein paar Jahren betont, dass die Menschen in der Bundesrepublik "seit Jahren über ihre Verhältnisse leben". "Der größte Fehler sei das Wachstum um jeden Preis", zitierte er die Kanzlerin weiter. In ihrer ersten Regierungserklärung habe sie aber genau das Gegenteil behauptet: Wachstum sei der Schlüssel zu allem.

Studien haben laut Miegel jedoch bewiesen, dass "die Zufriedenheit der Menschen bis zu etwa 1000 Euro im Monat steigt, alles was darüber liegt, aber nicht glücklicher macht". Hinzu komme heute eine Situation, in der "50 Prozent der Erwerbsbevölkerung keine reguläre Beschäftigung mehr hat". Für die Kommunen ergebe sich eine paradoxe Situation: Während die Kaufkraft doppelt so stark sei als in den 70er Jahren, haben die Kreise, Städte und Gemeinden immer weniger Geld für die Sozialsysteme. "Und kein Geld mehr für die Schwimmbäder." Ob denn der Wachstumsgedanke in der Natur des Menschen verankert sei? Mitnichten, sagt Miegel. "Noch im 19. Jahrhundert war es in China unverständlich, dass Menschen wie in Europa üblich durch ihr Vermögen ein Mehr an Ansehen erlangen." Grundsätzlich gelte auch heute: "In unserer Kultur hängt das Wohl und Wehe von Wachstum und materiellem Wohlstand ab." Ein fataler Irrtum? Ja, sagt der Professor. Denn bis vor 25 Jahren habe diese Haltung dazu geführt, dass 20 Prozent der Weltbevölkerung 80 Prozent der Rohstoffe verbraucht haben. Der Wendepunkt sei erreicht gewesen, "als die Menschen nicht mehr nur Wasser, Luft und Erde gebrauchten, sondern anfingen, alles zu verbrauchen". So wie die Rohstoffe, die der Mensch fortan aus der Erde grub.

Doch das habe den 20 Prozent der Weltbevölkerung immer noch nicht gereicht: "Da fingen sie an, mit Schulden das Wachstum ihrer Wirtschaft zu finanzieren." Mit den bekannten Folgen: Im Euro-Raum sind immer mehr Staaten zahlungsunfähig. Das Glücksversprechen des materiellen Wohlstands und des Wirtschaftswachstums als Heilsbringer sei hinfällig. Möge der momentane Aufschwung auch noch so positiv erscheinen - der nächste Abschwung stehe vor der Tür. Und letztendlich müsse der Wachstums-Irrglaube scheitern.

"Ich kann nur hoffen, dass wir viele große Erfindungen in Deutschland machen, ansonsten werden wir verarmen", so Miegels Prognose. "Der Mensch sollte mal ehrlicher zu sich selbst sein." Schließlich seien solche Probleme wie der Atommüll ebenso wenig gelöst wie die vieler Krankheiten.

Aber: Miegel sieht in der Erkenntnis von immer mehr Menschen, dass es so nicht weitergehen kann, auch eine Chance. Sogar eine für die ganze Menschheit - wenn sie sich nämlich nicht mehr nur als Produzent und Konsument definiert. Es geht um viel mehr, nämlich auch um die immateriellen Werte. Und der Schlüssel zu einem neuen Bewusstsein sei die Bildung. "Es geht letztendlich um ein facettenreicheres Leben."


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Autor: NORBERT LEISTER | 09.04.2011

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