"Sich lieber mehr Zeit lassen und Erfahrungen sammeln"

Premiere in der Hochschule Reutlingen: Commerzbank-Chef Martin Blessing sprach mit Moderatorin Andrea Despot unter Einbeziehung der Studenten über seine Berufslaufbahn und die Zukunft der Banken.

RALF OTT |

Mit einem neuen "Meet und Talk Format" ging die Hochschule Reutlingen am Donnerstagabend an den Start: Der Vorstandsvorsitzende - CEO (Chief Executive Officer) im amerikanischen Sprachraum - der Commerzbank, Martin Blessing, sprach mit Moderatorin Dr. Andrea Despot, stellvertretende Leiterin der Europäischen Akademie Berlin, über seine Vita und die wirtschaftlichen Perspektiven der Bankenwelt. "Wir wollen den Studenten Einblicke in die Arbeit an verantwortungsvoller Position geben", sagte Professor Dr. Ottmar Schneck, Dekan der ESB Business School, in seiner Begrüßung.

War sein Weg in die Führungsetagen der Bankenwelt vorgezeichnet? - wollte Despot eingangs wissen. Immerhin war sein Großvater von 1958 bis 1969 Präsident der Bundesbank und sein Vater Vorstandsmitglied der Deutschen Bank. "Nein", sagte Blessing. Nach der Lehre bei der Dresdner Bank, dem BWL-Studium in Frankfurt und St. Gallen arbeitete er bei der Unternehmensberatung McKinsey. "Dort kam ich zufällig in Kontakt mit Banken".

Nach weiteren Stationen wurden Blessing im Alter von 38 Jahren im November 2001 Vorstandsmitglied der Commerzbank, im Mai 2008 Vorstandssprecher und ein Jahr später Vorstandsvorsitzender. "Das hört sich im Nachhinein schlüssiger an als es war", so Blessing. Ein Teil der jungen Leute habe heute bereits in einem Alter den Bachelor in der Tasche, in der er gerade seine Bundeswehrzeit beendet habe. Doch seiner Ansicht nach geht es in der Berufsfindung nicht nur um Schnelligkeit. Seine Empfehlung: "Sich lieber einen Tick mehr Zeit lassen und als Persönlichkeit reifen". Es lohne sich, den eingeschlagenen Weg zu verfolgen. "Natürlich gibt es immer Phasen, in denen es zäher vorangeht". Blessing selbst wird als CEO die Geschicke der Commerzbank nur noch bis Herbst kommenden Jahres leiten. "Wenn nochmal etwas anderes kommen soll, dann ist jetzt der richtige Zeitpunkt dafür".

Welche Anforderungen muss ein Vorstandsvorsitzender erfüllen? "Eine gewisse Grundintelligenz ist nötig", schmunzelte Blessing, "das reicht aber nicht". Es sei wichtig, komplexe Sachverhalte nicht nur erfassen, sondern diese Kunden und gegebenenfalls Mitarbeitern in vereinfachter Form vermitteln zu können. Wenn nötig, gelte es, Entscheidungen trotz bestehender Unsicherheiten zu treffen und daran festzuhalten. Blessing erinnerte an die Bankenkrise nach der Pleite der US-amerikanischen Lehman-Bank Mitte September 2008. Damals sei es um ein rasches Krisenmanagement gegangen, nicht jeder Schritt konnte "bis zum Ende durchanalysiert werden". Als Folge der Krise musste die Commerzbank durch den Bankenrettungsfonds mit 18 Milliarden Euro unterstützt werden. Die Boni-Zahlungen an die Manager fielen weg und die Obergrenze der Vergütung lag bei 500 000 Euro. "Aber auch damit lässt es sich komfortabel leben", so Blessing. Nach dem Wegfall dieser Sperre verzichtete er zwei weitere Jahre lang auf den variablen Anteil an seinem Gehalt. "Wir haben den Mitarbeitern viel zugemutet, daher erschien mir dies als fair". Erst 2014 kam der Bonus wieder zur Auszahlung, unterm Strich erhielt er im vergangenen Jahr eine Vergütung von annähernd 2,7 Millionen Euro.

In Zukunft werde es für die Banken als Folge der niedrigeren Zinsspanne schwieriger, Geld zu verdienen, prophezeite Blessing. Als Ausweg kommen neue Geschäftsfelder und Einsparungen auf der Personalseite in Frage. Direktbanken oder neue Bezahlsysteme seien nicht nur Konkurrenz, sondern auch ein Motor für Innovationen. Die Branche habe zwar aus der Krise gelernt, dennoch könne es wieder Turbulenzen an anderer, unerwarteter Stelle geben. Die Geldpolitik der EZB führt aus seiner Sicht dazu, dass Staaten ihren Haushalt weiter im Griff haben und der Export als Folge des schwächeren Euro angekurbelt wird. "Diese Ziele darf die EZB aber nicht haben", sagte er, "doch die offiziellen Ziele, nämlich die Belebung des Kreditgeschäfts und eine Inflation haben nicht funktioniert."

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