Schattenboxen mit Anschlagskultur

Reutlingen.  Auf eine Tour durch neuartige Klavier-Landschaften führten Angela-Charlott Bieber und Eva Schieferstein am Konzertflügel, moderiert von Veit Erdmann.

Die Ziele orientierten sich, passend zum 40-jährigen Jubiläum der Reihe Musica Nova, an runden Geburtstagen zeitgenössischer Komponisten: Dieter Acker, Helmut Lachenmann, Dieter Schnebel, Wolfgang Zoubek, Arvo Pärt und Detlev Glanert, die nicht nur mit Werken für Klavier zu zwei oder vier Händen, sondern auch - sowohl von Veit Erdmann wie den Interpretinnen selbst - zwischen den Beiträgen locker erzählend charakterisiert wurden. Zum Teil kannten die Vortragenden sie persönlich; bei Wolfgang Zoubek gingen die Pianistinnen in München zur Schule.

Die Grenzen der "Klavierlandschaften" liegen nicht zuletzt im Instrument selbst. Werden zwar die Grenzen der Tonalität leicht überschritten, ist das Halbtonsystem doch quasi fest im Klavier eingebaut - außer die Pianisten würden sich als Ver-Stimmer betätigen.

So weit gehen aber die wenigsten, insofern blieben die vorgestellten Klavierstücke im Rahmen des Herkömmlichen, wie auch die beiden Pianistinnen selbst. Ihre sensible Anschlagskultur und ihre virtuose Umsetzung der schwierigen Partituren wiesen Angela-Charlott Bieber und Eva Schieferstein als traditionell geschulte Meisterinnen ihres Fachs aus, die die Möglichkeiten des Konzertflügels so respektvoll wie klangbewusst nutzten.

Traditionsbezüge unterschiedlichster Art waren zu erleben. In Dieter Ackers vierhändigem "Von Rand zu Rand" wurde das Klavier als Medium expressiven menschlichen Ausdrucks behandelt, eine zerklüftete Gefühls-Landschaft, die von den Pianistinnen in höchster Intensität und quasi mit einer Stimme zum Sprechen gebracht wurde. Lachenmanns frühe Schubert-Variationen konnte man als "Wo ist Schubert?"-Suchbild hören, Wolfgang Zoubeks für die Interpretinnen komponierte "Marche grotesque" erschien mit ihrem Gamelan-Klangzauber wie ein etwas kantiges Stück von Debussy, und Arvo Pärt konnte man in "Partita op. 2" von 1959 als Neo-Barocken und in "Für Alina" (1976) als radikalen Reduzierer kennen lernen, während Detlev Glanerts "Tanzende Landschaft" vielstimmige Schichtungen auf Fox-, Rock- und Boogie-Rhythmen zum Wogen und Wirbeln brachte - pianistisch durchweg perfekt, klangschön und ausdrucksstark dargeboten.

Als für die Zeit um 1960 neuartig und die herkömmlichen Grenzen des Klavierspiels bewusst überschreitend konnte man Dieter Schnebels "Visible Music" kennen lernen. Orientiert an einer grafischen Landkarte aus Punkten, Linien, Kurven und Zeichen agieren die beiden Solistinnen abwechselnd gestisch am Notenpult dirigierend und am Klavier improvisierend - eine Art musikalisches Schattenboxen nach heimlichen Regeln, sprunghaft, parallel und paradox, wobei die Klangmöglichkeiten des Flügels durch direktes Anschlagen von Saiten und Gehäuse erweitert werden.

Bewunderung weckte hier weniger der amüsante musik-theatralische Dialog der Spielerinnen als die beeindruckende freie Improvisation, die ganz andersartige Anforderungen ans Spiel stellt und ansonsten eher von Jazzern als von "klassischen" Pianisten beherrscht wird.

Diese vielgestaltigen Klanglandschaften wurden in allen Aspekten plastisch ausgeleuchtet und intensiv durchlebt - fürs Publikum eine abwechslungsreiche Tour durch Stile, Stimmungen und Emotionen, mit zwei begeistert erklatschten Zugaben zum Schluss.


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Autor: SUSANNE ECKSTEIN | 12.03.2010

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