Saufen bis der Notarzt kommt
Reutlingen. 2009 wurden 71 Jugendliche mit einer lebensgefährlichen Alkoholvergiftung im Reutlinger Krankenhaus eingeliefert. Das Projekt HaLT versucht, jungen Menschen vor dem weiteren Absturz zu retten.
"Saufen bis der Notarzt kommt." Hinter diesem gängigen, oftmals allzu leicht in den Mund genommenen Spruch verbirgt sich eine Dramatik, die in den vergangenen Jahren stetig zugenommen hat: Die Zahl der Jugendlichen, die sich gnadenlos besaufen und dann mit lebensgefährdenden zwei Promille im Krankenhaus landen, nimmt stetig zu. "2009 wurden an den Wochenenden insgesamt 71 Jugendliche zwischen zwölf und 18 Jahren mit dem Notarzt im Reutlinger Krankenhaus eingeliefert", sagt Verena Sulfrian, Mitarbeiterin der Drogenberatungsstelle in der Metzgerstraße. Vor acht Jahren lag die Zahl der Jugendlichen, die wegen lebensgefährlichem Alkoholmissbrauch eingeliefert wurden, noch bei 20.
Die Gründe für diese Entwicklung sind vielschichtig, wichtig ist aber vor allem, schnell zu reagieren: Nicht nur der Notarzt sollte möglichst rasch an Ort und Stelle sein, um die betroffenen Jugendlichen zu retten, sondern es sollten auch Maßnahmen ergriffen werden, die diese jungen Menschen vor dem weiteren Absturz bewahren. Dazu wurde ausgehend von Lörrach ein Bundesprojekt entwickelt, das HaLT heißt. Hinter der Abkürzung versteckt sich "Hart am Limit" - schließlich sind genau die Jugendlichen, die mit Alkoholvergiftungen im Krankenhaus landen, hart an der Grenze. Nämlich hart an der Grenze zum Tod. Im Rahmen dieses Projekts wurde in Reutlingen eine halbe Stelle geschaffen, bei der gerade an den Wochenenden Sozialarbeiter die betreffenden Jugendlichen im Krankenhaus aufsuchen, mit ihnen ein Gespräch führen und sie, wenn nötig, zu einem "Risiko-Check" einladen. Dabei sollen die Jugendlichen möglichst lernen, wo ihre Grenzen sind, an welchem Punkt sie "Stopp" sagen sollten. Denn: "Wir wollen die Jugendlichen nicht zur Abstinenz erziehen", sagt Sulfrian als Mitarbeiterin des HaLT-Projekt. Infos zum Thema Alkohol, Grenzen erkennen und "den Kick einmal anders erleben" mit erlebnispädagogischen Aktionen soll bei diesem Risiko-Check den Jugendlichen Alternativen zum gnadenlosen "Saufen ohne Sinn" (SOS) aufzeigen - so werden landauf und landab immer mehr Partys angepriesen.
40 Mal haben Verena Sulfrian und ihre Kollegin Lydia Ensinger im vergangenen Jahr "Brückengespräche" mit Jugendlichen im Krankenhaus geführt. Vier Mal wurden Zwölf- bis 18-Jährige in eine stationäre Entgiftung weiter vermittelt. Hinzu kamen 13 Eltern-Kind-Gespräche, "weil es auch wichtig ist, die Eltern mit einzubeziehen". Das sieht auch Willi Kies, Geschäftsführer der AOK Neckar-Alb, so: "Wenn wir den Jugendlichen nach dem Krankenhausaufenthalt eine Rechnung präsentieren, weil sie ja selbstverschuldet in diese Situation gekommen sind, dann nehmen die Eltern das Problem sehr ernst." Und das kann teuer werden: Ein Notarzt-Einsatz kostet laut Kies 500 und die Pauschale für den Krankenhausaufenthalt etwa 1200 Euro.
Natürlich sollen künftig nicht nur diejenigen Jugendlichen vor dem lebensgefährlichen Saufen bewahrt werden, die schon einmal diese (für sie zumeist sehr bedrohliche) Erfahrung gemacht haben. So werden innerhalb von HaLT Jugendliche etwa in Schulen und Vereinen aufgesucht und über die Themen Alkohol und Grenzen setzen informiert. Insgesamt knapp 30 000 Euro kostet das Projekt pro Jahr. Für die Probephase von zwei Jahren bis zum März 2011 hat vor allem der Landkreis die Gelder bewilligt, hinzu kamen Spenden vom Rotary Club oder auch von der Paul-Lechler-Stiftung. Am vergangenen Donnerstag hat Willi Kies mehr als 4000 Euro an Verena Sulfrian überreicht. "Die AOK ist im Übrigen die einzige Krankenkasse, die das Projekt aktiv unterstützt", betont Sulfrian.
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Autor: NORBERT LEISTER | 17.07.2010
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Willi Kies von der AOK übergibt die mehr als 4000 Euro an Verena Sulfrian. Foto: Norbert Leister
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