SEITENBLICKE: Wendepunkt für einen überzeugten Wintermuffel

Welch ein Aha-Erlebnis! Am eisigen 4. Februar habe ich aus meinem Wohnzimmerfenster im achten Stock zum ersten Mal in diesem Jahr die Sonne aufgehen sehen! Ich schaue in Richtung Osten, über Reutlingen hinweg und auf die Achalm. Seit ich hier im Hohbuch wohne, gehört es zu meinen "Ritualen", so oft wie möglich den Sonnenaufgang zu beobachten. In den dunkelsten Wochen des Winters allerdings, wenn die Sonne ganz weit am südlichen Albrand aufgeht, kann ich das leider nicht: Dann spielt sich dieses Ereignis nämlich für mich unsichtbar hinter dem Nachbar-Hochhaus ab.

Für einen überzeugten "Wintermuffel" wie mich ist das die trostloseste Zeit, in der es oft den ganzen Tag nicht richtig hell wird. An diesem 4. Februar jedoch durfte ich ein Ende der dunklen Phase und damit den Anflug eines Frühlingsahnens erleben: Dicht an der linken Außenwand des Hochhauses, das mir diesen Punkt am Albtrauf bis jetzt verbarg, erschien am rötlichen Morgenhimmel der ersehnte Lichtfleck, wuchs und wuchs - und gab schließlich die strahlend aufgehende Sonne frei! Der Kontrast zur kältestarren Stadt darunter im bläulichen Dämmerlicht, aus dem sich die Rauchschwaden der Kamine watteweiß nach oben ringelten, konnte kaum größer sein.

Doch in diesem frühen Stadium musste ich exakt den Moment abpassen, als die Sonne emportauchte, denn kurz danach entzog sie sich bereits meinen Blicken: Indem sie steigt, bewegt sie sich im flachen Bogen Richtung Südwesten und verschwindet vorläufig wieder hinter dem Nachbar-Hochhaus. Erst später, wenn sie an Höhe gewonnen hat, kommt sie erneut zum Vorschein. Doch das wird sich nun von Tag zu Tag langsam ändern. Nun kann ich wieder jeden Morgen beobachten, wie der Sonnenaufgangspunkt am Albrand entlang nach Norden wandert, immer dem Achalmgipfel zu. Zur Sommer-Sonnenwende befindet er sich aus meiner Warte weit nördlich der Achalm - und beginnt ab dann leider jedes Jahr von Neuem seine langsame Wanderung zurück, bis er sich wieder hinter dem benachbarten Hochhaus meiner Sicht entzieht.

Dieser erste für mich sichtbare Sonnenaufgang lässt meine Hoffnung auf den Frühling ein wenig konkreter werden, auch wenn es jetzt draußen klirrend kalt ist. Doch nun weiß ich nicht nur theoretisch, sondern glaube es auch: Der nächste Frühling kommt bestimmt! Bei frostklarem Wetter mit wolkenlosem Himmel bietet sich nun wieder jeden Morgen dieses Schauspiel vom Aufstieg der Sonne. Jetzt im Februar findet es erst nach 8 Uhr statt, also zu einer Stunde, da ich als "Morgenmensch" längst die ersten Aktivitäten des Tages hinter mich gebracht habe. Zur Zeit der Sommersonnenwende allerdings müsste ich sehr früh aufstehen, denn da beginnt die Sonne ihren Himmelslauf bereits vor 5 Uhr. Nach meiner Erfahrung wache ich auch dann kurz auf, wenn sie ihre ersten Strahlen über den Albrand schickt, schlafe jedoch danach ruhig weiter.

Um diese Jahreszeit bin ich normalerweise schon so "sonnen-satt", dass mir das täglich wiederkehrende Ereignis nicht mehr so wichtig ist. Es bekommt seine besondere Bedeutung erst wieder in der kalten, trüben Zeit, in der man jeden Sonnenstrahl begrüßt und sich - wie jetzt - frierend nach ein wenig Wärme des Planeten sehnt, ohne den es kein Leben auf unserer Erde gäbe.


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Autor: ARMGARD DOHMEL | 09.02.2012

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