Kultureller Aufbruch, enger Markt
Reutlingen. Esslingen, Ulm, Böblingen, Sindelfingen, Filderstadt, Nürtingen: Überall finden sich größere Veranstaltungszentren. Ab 2013 mischt auch die Stadthalle Reutlingen mit. Ein Rundblick zeigt Probleme und Chancen.
Kein Zweifel, die Konkurrenz ist groß. Einige Experten - nicht alle - sprechen sogar von einem "gesättigten Marktsegment". Jeder größere Ort hat eine Mehrzweckhalle. Auch im Geschäft der mittelgroßen Veranstaltungszentren, in dem sich die Stadthalle Reutlingen ab 2013 durchsetzen will, geht es eng zu.
Im "Europäischen Verband der Veranstaltungs-Centren" (EVVC) sind rund 600 Hallen, Kongresshäuser, Arenen und sonstige Locations registriert. Die Stadthalle Reutlingen GmbH, deren Geschicke seit Jahresbeginn Geschäftsführer Volker Schmidtke leitet, ist bereits Mitglied. Eröffnet wird der im Juli 2010 begonnene Bau von Architekt Max Dudler erst Anfang 2013.
Die Nutzungsmöglichkeiten dieser Häuser sind äußerst variabel - Hochzeiten, Geburtstage, Abifeten, Seminare, Tagungen, Bälle, Betriebsfeiern, Vereinsaktivitäten, Kongresse, Messen und mehr. Auch die Kultur hat ihren Platz: Pop, Rock, Klassik, Jazz, Theater, Kabarett, Volksmusik. So gesehen, gleichen sich die Kulturprogramme durchaus: Mäulesmühle, Musical Night, Irish Dancing, Bruno Jonas, Rolf Miller, Ingo Appelt - die üblichen Verdächtigen sind da unterwegs. Seltener geworden sind Theater- und Operngastspiele, sprich: Tourneeauftritte zugkräftiger TV-Schauspieler, Landesbühnen-Produktionen oder eine reisetaugliche "Zauberflöte". Womit eine Gefahr im Stadthallen-Business benannt wäre: die Austauschbarkeit des Angebots.
Die räumlichen Möglichkeiten ähneln sich - fast überall gibt es einen "Großen Saal" mit 800 bis 1500 Sitzplätzen und einen "Kleinen Saal" mit 200 bis 500 Plätzen. Die Hallen werden meist von einer GmbH betrieben, manche Hallen sind auch als städtische Eigenbetriebe aufgestellt.
In der speziellen Akzentsetzung gibt es aber greifbare Unterschiede. Schon die Namensgebung spiegelt die Vielfalt der Hallen-Profile in der Umgebung wider. Viele Städte setzen auf regional eingefärbte Namen, so das "Neckar-Forum" Esslingen oder die "Filharmonie" Filderstadt. Andere Bezeichnungen sind businessorientiert: das "Congress Centrum" Ulm (CC) oder das "CongressCenter" Böblingen-Sindelfingen (CCBS). Manche Kommunen nennen ihr Veranstaltungszentrum gut schwäbisch, sauber und herausgeputzt "die gute Stube der Stadt".
In Waiblingen heißt sie "Bürgerzentrum", womit der gemeinsame, bürgerschaftliche Treffpunkt-Charakter betont wird. Verbreitet ist aber auch der tendenzoffene Begriff "Stadthalle". Die ganz Großen im Business tragen den Hauptsponsor im Namen: "Porsche-Arena" Stuttgart, "SAP Arena" Mannheim - aber das ist nicht die Liga, in der die Reutlinger Stadthalle mitmischen kann und will. Der EVVC unterscheidet denn auch drei Größenordnungen - Kriterium ist die maximale Sitzplatzzahl im größten vermietbaren Raum der Betreiber: So unterscheidet man Hallen mit bis zu 1200, mit bis zu 4000 und mit über 4000 Sitzplätzen in Reihenbestuhlung. Die Stadthalle Reutlingen wäre mit rund 1500 Sitzplätzen (Großer Saal) in der mittleren Kategorie dabei.
Viele vergleichbare Hallen im Umland sind in den 60er, 70er Jahren erbaut worden und haben es heute schwer auf dem Markt. Oft müssen sie mit kostspieligen Renovierungen kämpfen. Andere, etwa die 1966 erbaute legendäre Böblinger Sporthalle - berühmt durch "Wetten, dass?"-Shows, Rock- und Volksmusikkonzerte - gibt es nicht mehr: Das asbestverseuchte Monstrum mit fast 4000 Sitzplätzen ist 2008 abgerissen worden.
Andere, kleinere Hallen ringen um ihre Existenz. Denn ein weiteres Problem dieser Veranstaltungszentren sind schwächelnde Belegungs- und Auslastungszahlen - und damit steigende Defizite. Ein Beispiel: Die Leonberger Stadthalle (maximal 757 Sitzplätze) stellt im Herbst 2011 ihren Betrieb mit bisher 65 Veranstaltungen pro Jahr ein (Abmangel 2009: 740 000 Euro). Die Stadt erhofft sich nun Einsparungen von bis zu 200 000 Euro. Ein Schrumpfprogramm mit sieben (!) Veranstaltungen soll vom Doppelzentrum Böblingen-Sindelfingen importiert werden. Dort hatten die beiden Hallenbetreiber fusioniert - ein Ergebnis des verdichteten Markts. Seit 2009 sind die Kongresshalle Böblingen und die Stadthalle Sindelfingen (beide rund 40 Jahre alt) vereint und nennen sich "CongressCenter Böblingen Sindelfingen GmbH" (CCBS). 2009 vermeldete der Doppelbetrieb einen Jahresfehlbetrag von 1,5 Millionen Euro.
Die in jüngerer Zeit gebauten Hallen halten sich - teils recht und schlecht, teils mit Erfolg. Das "Congress Centrum Ulm" (CC) hatte im Mai 2010 einen herben kulturellen Verlust zu verzeichnen: Die Konzertdirektion Russ stellte dort ihre seit 40 Jahren bestehende, hochkarätige Klassik-Reihe ein, die zuletzt nur noch 350 Abonnenten hatte.
Mit vergleichsweise geringem Abmangel (2009/10: 80 000 Euro) läuft die 1994 eröffnete "Filharmonie Filderstadt" vorzüglich. Das Führungstandem aus Geschäftsführer Thomas Löffler und Veranstaltungsleiter Sven Pflug hat der Halle ein eigenes, regional abgestimmtes Profil verliehen. An Preisen bekam sie unter anderem den EVVC-"Award" für "soziales Engagement". Zudem fördert die "Filharmonie" den Theaterbereich und ist Geschäftsstelle der "Inthega", der Interessengemeinschaft der Städte mit Theatergastspielen (der Kommunen ohne eigenes Theater). Während die meisten Stadthallen als GmbH betrieben werden, funktioniert die "Filharmonie" als städtischer Eigenbetrieb - gemanagt von Mitarbeitern der Stadtverwaltung. Das 2005 für 42 Millionen erbaute "Neckar-Forum" Esslingen ist größer ausgelegt. Die zuständige Vermarktungs-GmbH (zehn Angestellte) nennt sich zeitgemäß "Esslingen live" und schrieb 2009 einen Jahresfehlbetrag von 2,1 Millionen. Die Belegung mit rund 100 Tagen im Jahr sieht hier so aus: 70 Prozent Tagungen, 15 Prozent gesellschaftliche und 15 Prozent kulturelle Veranstaltungen.
So zeigt dieser kurze Rundblick in der Stadthallen-Landschaft Probleme, aber auch Chancen auf - eine Serie wird die einzelnen Häuser näher beleuchten. Die Stadthalle Reutlingen wird sich trotz kultureller Aufbruchstimmung in einem engen Markt durchsetzen müssen. Entscheidend wird sein, eine Belegungsmischung mit klar begrenztem Abmangel zu finden, die neben dem Tagungsbereich auch kulturell Flagge zeigt.
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Autor: OTTO PAUL BURKHARDT | 21.04.2011
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Der neueste Blick vom Baukran: Die Stadthalle wächst. Foto: Mozer/Stadthalle
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