Informieren, nicht lenken
Reutlingen. Mit einer Informationsveranstaltung, die sich gezielt an Eltern richtet, will die Agentur für Arbeit am Montag, 13. Februar, 19.30 Uhr, im BIZ für die duale Ausbildung werben (siehe Kasten).
Es ist ein Pilotprojekt, ein "Versuchsballon". Aber, sagt Ulrich Häfele, Vorsitzender der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit Reutlingen: "Wir sind überzeugt, dass es einen Rieseninformationsbedarf gibt" - gerade auch mit der flächendeckenden Einführung der neuen Werkrealschule zum Schuljahr 2012/13. Damit fallen auch die bisher bestehenden Übergangsbedingungen von der 9. in die 10. Klasse weg. Als Konsequenz daraus, das vermuten die Experten der Agentur für Arbeit, werden immer mehr Jugendliche eine weiterführende Schule besuchen - und damit nicht, wie bislang, dem Ausbildungsmarkt zur Verfügung stehen. "Da bricht fast ein Jahrgang weg", befürchtet Häfele.
Diese Entwicklung hängt auch damit zusammen, dass für viele Eltern die Hauptschule inzwischen ein "Schreckbild" darstellt, dass sie überzeugt sind, höherwertige Schulabschlüsse böten ihrem Nachwuchs bessere Berufschancen. Eine Einschätzung, die nach Häfeles Überzeugung nicht immer zutrifft. Manch ein Jugendlicher habe mit einem guten Hauptschulabschluss bessere Chancen, eine Lehrstelle zu finden, als mit einem schlechten Realschulabschluss. Das Handwerk, aber auch Großunternehmen, stellten nach wie vor Jugendliche mit einem passablen Hauptschulabschluss als Auszubildende ein. Gut 50 Prozent der im Herbst angebotenen Ausbildungsplätze sind noch nicht besetzt.
Hier sieht Häfele die Agentur für Arbeit mit ihrem "neutralen Beratungs- und Informationsauftrag in der Pflicht". Ziel müsse sein, den Jugendlichen so weit zu informieren, dass er - mit Unterstützung durch seine Eltern - die für ihn richtige Entscheidung treffen kann. Dabei geht es der Agentur - und darauf legt Häfele großen Wert - nicht darum, die Bewerber in bestimmte Berufe hinein zu lenken. "Jeder sollte seinem Potenzial entsprechend das Richtige tun", unterstreicht der Agentur-Chef. Wenig hält er auch von im Ausland geäußerter Kritik, dass es in Deutschland zu wenige Hochschulabsolventen gebe, sagt Häfele. Diese verkenne, "dass wir dank dualer Ausbildung noch einen qualifizierten Mittelbau haben".
Harald Riedinger, Teamleiter Berufsberatung bei der Agentur für Arbeit, verweist zudem darauf, dass es auch Möglichkeiten gibt, die mittlere Reife mit Hauptschulabschluss und Berufsausbildung zu erlangen. Das setzt eine mindestens zweijährige Lehre in einem anerkannten Ausbildungsberuf voraus. Zweitens muss der Azubis die Berufsschule mit einem Notenschnitt von mindestens 3,0 (ohne Sport und Religionslehre/Ethik) im Abschlusszeugnis beenden. Als Drittes müssen ausreichende Fremdsprachenkenntnisse nachgewiesen werden. Dies erfordert ein mindestens fünfjähriger ununterbrochener Fremdsprachenunterricht, der mit der Note "ausreichend" abgeschlossen werden muss.
Darüber hinaus gibt es in Baden-Württemberg ein zusätzliches Modell. Dieses ermöglicht die Anerkennung der mittleren Reife, wenn ein Jugendlicher nach einem Hauptschulabschluss eine mindestens dreijährige Ausbildung absolviert und aus Hauptschulabschluss, Berufsschulprüfung und praktischer Prüfung einen Notenschnitt von 2,5 und besser erreicht.
Häfele will erst einmal abwarten, wie die Resonanz am Montagabend ausfällt und dann entscheiden, ob die Agentur weitere Infoveranstaltungen dieser Art - dann auch im Kreis Tübingen - anbieten wird.
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Autor: RALPH BAUSINGER | 08.02.2012
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