In der Mittagspause die Wirbelsäule dehnen

Reutlingen.  Alle Wege führen in die Volkshochschule - jedenfalls für Bus- und Bahnfahrer im Naldo-Gebiet. Das Ticket zum Kurs ist jetzt kostenlos, und auch sonst gibts Neues: Diskussionen um den Denkmalschutz etwa.

Seriöse Bildungsarbeit, und zwar flächendeckend quer durch die Lande - das ist für Dr. Ulrich Bausch, Geschäftsführer bei der VHS Reutlingen, das Alleinstellungstellungsmerkmal der Volkshochschulen. In Zeiten der Zukunftsangst sieht er die Bildungseinrichtungen umso mehr gefordert - schließlich sprechen allein in Reutlingen die Fakten für sich: Gerade im Krisenjahr 2009 sei die Nachfrage im Bereich der beruflichen Weiterbildung deutlich gestiegen. "Vielen ist bewusst geworden, dass sie mit einer Fortbildung zum Erhalt ihres Arbeitsplatzes beitragen können."

Die berufliche Bildung bleibt mit einem prall gefüllten Kursangebot vom Steuerrecht bis zum Linux-Workshop weiterhin das Flaggschiff der Volkshochschule. Doch darüber hinaus bringen die VHS-Macher im kommenden Herbst/Wintersemester einige Neuheiten aufs Tapet. "Denkmalschutz - quo vadis" heißt der Themenschwerpunkt im Herbstprogramm. Und der ist nicht nur wegen des Aufruhrs um das Bahnprojekt "Stuttgart 21" dieser Tage topaktuell. Die VHS will Fragen aufwerfen, beispielsweise jene, ob beim Denkmalschutz die Balance zwischen Aufwand und Nutzen stimmt. Abreißen oder schützen? - das fragt angesichts immenser Kosten Professor Adrian von Buttlar von der Technischen Universität in Berlin bei einem Vortrag in Reutlingen. Kurz, die VHS arbeitet das ganze Spannungsfeld rund um den Denkmalschutz (Bausch) in einer eigenen Veranstaltungsreihe auf. Höhepunkt ist eine Podiumsdiskussion mit Experten wie der Reutlinger Baubürgermeisterin Ulrike Hotz und dem Architekt Wolfgang Riehle.

Aber nicht nur die Schau in die Vergangenheit hat Zukunft - sondern auch manche Innovation in Sachen Häuslesbau. Fachleute des Wirtschaftsministeriums und der Klimaschutzagentur des Landkreises gehen der Frage nach, ob Wärmepumpen wirklich sinnvoll sind - und wie Photovoltaikanlagen für den Eigengebrauch gefördert werden können.

Neu an der Volkshochschule ist zudem ein Vorstudium für "Kunst und Gestaltung". Dieses Angebot richtet sich laut Thomas Becker, Abteilungsleiter für allgemeine und kulturelle Bildung, vor allem an Gymnasiasten und Realschüler, die es beruflich in künstlerische Sparten zieht. Ob Design-Fächer, kunst- und kulturpädagogische Studiengänge, Textil, Mode, Architektur oder Bühnenbildnerei - "oft kann die Schule mit der Vorbereitung für ein solches Studium nicht wirklich dienen", so Becker. Das Vorstudium solls richten - unter anderem entwickeln die Teilnehmer ihre eigene Bewerbungsmappe.

Nicht an Studenten, sondern an angehende Führungskräfte richtet sich die Weiterbildung "Methodenübergreifendes Coaching", das die Volkshochschule erstmals im Programm hat. Innerhalb eines halben Jahres sollen dort Kenntnisse für angehende Trainer und Verantwortliche in der Personalentwicklung vermittelt werden.

Und sonst? Kurse rund um die Gesundheit boomen, weswegen die VHS der Nachfrage Rechnung trägt und das Angebot in dieser Sparte gegenüber dem Frühjahr nochmals um zehn Prozent nach oben schraubt. Entspannung, Tanz, Heilmethoden und Ernährung - mit 650 Kursen stellen die "Gesunden" fast ein Drittel des gesamten Kursangebotes, so Ulrich Bausch. Die VHS zeigt sich flexibel und kommt Berufstätigen neuerdings mit Wirbelsäulentraining in der Mittagspause entgegen.

Unterm Strich bietet die Volkshochschule Reutlingen im neuen Semester 1820 Kurse. Die Macher haben das Angebot im Vergleich zum Vorjahr um neun Prozent erhöht, was laut Bausch unter anderem mit einer besseren Auslastung der Räume ("wir knallen alles voll") zu tun hat.

Wer sich künftig an der VHS Reutlingen weiterbilden will, hat übrigens gut Bus und Bahn fahren: Das Ticket zum Kurs ist kostenlos gegen Vorlage einer Teilnehmerkarte - und zwar im gesamten Naldo-Gebiet von Grabenstetten bis Haigerloch und von Sigmaringen bis Ammerbuch. Möglich ist die Fahrt 90 Minuten vor und bis zu 90 Minuten nach Ende des Kurses - das Ticket gilt auch für die VHS-Außenstellen.

Gute Voraussetzungen dafür, dass die Erwachsenenbildung an der Echaz weiterhin ein gewichtiges Pfund bleibt. Denn: "Nirgendwo im Land werden pro 1000 Einwohner so viele Bildungseinrichtungen verkauft wie in Reutlingen", rechnet Geschäftsführer Bausch vor. Und weil die bildungsbeflissenen Bürger auch der deutschen Hochsprache mächtig sein wollen, hat die VHS im neuen Semester ein weiteres Schmankerl im Programm: Einen Kurs, der das richtige Hochdeutsch vermitteln soll.


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Autor: CHRISTINA HÖLZ | 09.09.2010

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