INTERVIEW · Eine Krankheit im Fokus der Öffentlichkeit: Von der Lebensfreude mit Alzheimer
Der frühere Fußball-Manager Rudi Assauer ist an Alzheimer erkrankt und macht dies öffentlich. Dr. Thomas Dehmer, Oberarzt für Alterspsychiatrie am an der PP.Rt, der Klinik für Psychiatrie, hilft solchen Patienten.
Herr Dr. Dehmer, sind Sie darüber glücklich, dass ein Mensch wie der ehemalige Fußballmanager Rudi Assauer seine Alzheimer-Erkrankung derart öffentlich lebt?
DR. THOMAS DEHMER: Ich mache das nicht an einzelnen Personen fest, sondern bin generell glücklich über die Präsenz des Themas. Solange er noch dazu in der Lage ist, das selbst zu bestimmen, finde ich es in Ordnung, zumal es hilft, das Thema zu entstigmatisieren.
Alzheimer wird Ihrer Erfahrung nach also als Stigma gesehen?
DEHMER: Vielleicht. Nicht so stark, wie bei anderen psychischen Erkrankungen. Bei Alzheimer wissen viele, dass es hierfür körperliche Ursachen gibt. Gefühle wie Angst bei den Erkrankten und Hilflosigkeit bei den Angehörigen sind da präsenter.
Um zu wissen, worüber wir hier reden: Was ist der Unterschied zwischen Alzheimer und Demenz?
DEHMER: Demenz ist der Oberbegriff für Erkrankungen der höheren geistigen Funktionen wie Gedächtnis, Urteilsfähigkeit oder Sprache. Alzheimer ist eine Form der Demenz - und die häufigste. Gemeinsam ist den allermeisten allen Formen der Demenz, dass sie unheilbar sind.
Aber die Demenz ist nicht unbehandelbar . . .?
DEHMER: Alzheimer können wir mit antidementiven Medikamenten behandeln, die den Krankheitsverlauf zwar nicht stoppen, aber verlangsamen. Wir können medikamentiv medikamentös auch viele Begleitsymptome wie Antriebslosigkeit lindern gut in den Griff bekommen oder die körperlichen Leiden bei den anderen Demenzformen behandeln. Daneben gibt es viele Möglichkeiten der Betreuung und Unterstützung.
Wie schnell verschlimmern sich die Symptome der Erkrankten bei Alzheimer?
DEHMER: Hier ist keine allgemeine Prognose möglich, das hängt von dem einzelnen Patienten ab. Bei manchen geht es schnell, bei anderen schreitet die Krankheit über Jahre hinweg nur langsam voran.
Das heißt, man kann trotz Alzheimer über mehrere Jahre hinweg ein ganz normales Leben führen?
DEHMER: Kein ganz normales Leben, aber so normal wie möglich. Sie werden sicherlich eine gewisse ambulante Unterstützung brauchen. Hilfreich ist eine funktionierende Partnerschaft oder ein gutes solches familiäres Umfeld. Unser vorrangiges Ziel ist es in jedem Fall, so lange wie möglich die Eigenständigkeit der Patienten zu erhalten.
Wie lebenswert ist denn eigentlich das Leben für einen Alzheimer-Patienten?
DEHMER: Es ist in jedem Fall lebenswert, weil man trotz der Krankheit noch viel Lebensfreude erfahren kann. Ich persönlich finde neben der internistischen medikamentösen ist auch die allgemein therapeutische Behandlung der Krankheit ganz wichtig. Hier geht es beispielsweise um jegliche Form der nicht-medikamentiven Therapie, sei es eine Aktivierungstherapie, um die Stärkung noch vorhandener Ressourcen, um Ergotherapien oder ganz einfach die Förderung des Kontaktes mit anderen Menschen. Es geht darum, das zu fördern, woran die Menschen noch Freude haben. Auch Musik kann da ein ganz wichtiges Mittel sein. Kürzlich war ein Patient auf unserer Station, der regelmäßig sein Akkordeon spielte - und andere sangen oder tanzten sogar dazu. Die Freude stand den Menschen in den Gesichtern. Wenn wir hier auf der Station Musik laufen lassen, kann es passieren, dass ein Patient sich spontan einen anderen schnappt und beide gemeinsam tanzen - dann strahlen sie glücklich über das ganze Gesicht.
Alzheimer-Erkrankte beziehen ihre Lebensqualität also mehr über Emotionen als über den Intellekt?
DEHMER: Emotionen sind für den Gesunden genauso wichtig wie für den Erkrankten. Positive Emotionen Sie sind meiner Meinung nach sind das A und O in Sachen Lebensqualität. Ein Alzheimer-Patient ist natürlich nicht mehr in der Lage, aber auch allerdings nicht mehr gezwungen, über seine kognitiven Fähigkeiten seine Bestimmung Bestätigung zu finden.
Wenn ich feststelle, dass mit meinem Gedächtnis etwas nicht stimmt: Wohin kann ich mich dann wenden?
DEHMER: Jeder Verdacht gehört unbedingt fachärztlich abgeklärt. Sie können zum jedem niedergelassenen Neurologen oder Psychiater gehen. Wir bieten an der PP.Rt die Gedächtnis-Sprechstunde in unserer Memory-Klinik in der Oberlinstraße an, zu der der Hausarzt überweisen kann. Bezüglich der Betreuung von Patienten gibt es zum Beispiel auch die Das Rote Kreuz hat eine Alzheimerberatung. Sie können sich auch an die Pflegestützpunkte wenden. Ganz, ganz wichtig ist aber in jedem Fall die ärztliche Beratung.
An welchen Symptomen kann ich denn festmachen, dass ich mich untersuchen lassen sollte?
DEHMER: Eine Pauschal-Antwort ist da schwierig. Oft sind es die Angehörigen, denen etwas auffällt, wenn sie zum Beispiel immer wieder das Gleiche etwas erklären müssen, das sie am Tag zuvor bereits gesagt haben. Andere Symptome können sein, dass man sich immer mehr aufschreibt, sind: Ich schreibe mir ständig etwas auf, finde aber die Zettel nicht mehr findet. Auch wenn man Schwierigkeiten bekommt, sich zu Oder; Ich muss ständig nachfragen. Eine Pauschal-Antwort ist da schwierig. Wenn ich mich aber häufig orientieren muss oder immer öfter etwas suchen muss, kann das ein Hinweis sein.
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Autor: BERND HAASE | 08.02.2012
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