Hüter der Märchenburg

Lichtenstein.  Der Verwalter von Schloss Lichtenstein, Manfred Wälder (67), geht nach 27 Jahren Ende 2010 in den Ruhestand. Doch weil die Märchenburg dann Winterschlaf hält, haben wir ihn jetzt schon besucht.

Oben auf der Märchenburg hat er alles im Blick - und das wird so bleiben: Das Schloss, das Echaztal, die Achalm und - am Horizont - die Flugzeuge, die auf dem Airport Echterdingen landen, wird Manfred Wälder auch zukünftig sehen, denn er bleibt auf dem Schloss wohnen. Er gibt die Burg zum Jahreswechsel in jüngere Hände. Schon Wälders Vater Adolf hatte die Schlüsselgewalt über das Schloss, er diente bereits Karl Gero Herzog von Urach (1899 bis 1981), betreute zudem dessen Pferde sowie die Jagdpächter.

Nach ihm ist der "Gero-Bau", gleich linker Hand des Schlossportals, benannt. Dort werden zukünftig die Wälders wohnen - dann aber ohne dienstliche Verpflichtungen. In deren bisherige Wohnung gegenüber im Fürstenbau zieht dann Wälders Nachfolger Eberhard Etter ein. Und so bleibt dieses Schloss irgendwie ein "Familienbetrieb". Denn Eberhard (27) ist der Enkel von Ernst Etter, der als Schlossgärtner auch für sonstige Reparaturen und kleine Instandhaltungsarbeiten zuständig war. Eberhards Vater wiederum, Jochen Etter, betreibt mit seiner Familie die Schlossschenke unten am großen Parkplatz.

Manfred Wälder, ein gelernter Schauwerbegestalter, war von 1969 bis 1983 Chefdekorateur eines Modehauses, 1966 bereits heiratete er seine Frau Christa, die aus Frankfurt/Main stammt. "Ich wollte immer aufs Land, wo doch meine ganze Familie sehr naturverbunden ist", sagt sie. Wobei es im Winter schon sehr einsam ist auf dem dann geschlossenen Lichtenstein.

"Es kommen leider immer weniger Besucher", klagt Manfred Wälder - und mit ihm der Schlossherr, Wilhelm Albert Herzog von Urach, der jedoch die meiste Zeit am Niederrhein lebt. "Nach der Wende in der DDR zog es die Besucher dorthin, um Schlösser und andere Bauwerke zu besichtigen", weiß Wälder. Die Zahlen sprechen für sich: Waren es 1990 noch rund 200 000 Besucher pro Jahr, werden es Ende 2010 möglicherweise unter 100 000 sein. "Historisches zieht offenbar nicht mehr", sagt Wälder. Dabei gibt es auf dem Schloss eine Menge zu entdecken - und der Ausblick ist atemberaubend.

Kirchlich wie standesamtlich kann dort geheiratet werden. Die Gemeinde Lichtenstein hat dort eine Außenstelle des Standesamts eingerichtet, und die renovierte Marienkapelle können Brautpaare für den kirchlichen Teil der Zeremonie anmieten. Hinzu kommen Sonderführungen durch die sonst nicht zugänglichen, prachtvollen Privatgemächer des Herzogs Wilhelm von Urach, Graf von Württemberg. Der ließ zwischen 1842 bis 1844 das Märchenschloss nach einer Romanvorlage von Wilhelm Hauff (1802 bis 1827) erbauen. Damit die Fakten bei den Führungen stimmen, sucht Manfred Wälder auch die Schlossführer aus, mittlerweile sind es deren 20, samt Aushilfen.

Drei Kassiererinnen und Christa Wälder versorgen die Touristen am Eingang auch mit Speiseeis, Getränken, Postkarten und anderen Souvenirs vom Schloss - von Likören und silbernen Löffeln mit Wappen bis hin zum steinernen Bierkrug. Währenddessen sitzt Manfred Wälder in seinem kleinen Büro und erledigt die Schreibarbeiten.

"Ich bin mein eigener Sekretär", sagt er und verweist auf die zahlreiche Korrespondenz. Immer wieder mieten auch Filmteams das Schloss, zum Beispiel, um Märchenfilme zu drehen. Wälder betreut außerdem die Handwerker und Gärtner, managt die Gehaltszahlungen der Bediensteten - und kümmert sich um die Förster auf den schlosseigenen 16 Hektar Wald.

"Langweilig wird uns auch zukünftig nicht", sagt Manfred Wälder. Mit den beiden Wachhunden Marco (15) und Holly (5) werden die Wälders viel spazieren gehen, oft kommt auch Sohn Oliver (34) zu Besuch. Und außerdem stehen regelmäßig Walking, Fahrradfahren und Tennisspielen in Honau auf dem Freizeitprogramm.


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Autor: JÜRGEN HERDIN | 03.09.2010

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