Horst Köhler fordert ein Umdenken

Reutlingen.  Franz Fehrenbach, Vorsitzender der Geschäftsführung der Robert Bosch GmbH, sprach von einem "besonderen Tag". Bundespräsident Horst Köhler eröffnete gestern mit Ministerpräsident Mappus die Waferfabrik.

Horst Köhler ist ein Mann der klaren Worte: Der Bundespräsident war gestern in Begleitung des baden-württembergischen Ministerpräsidenten Stefan Mappus nach Reutlingen gekommen. "Wer offen ist für Neues, wer an seine Leistungsstärke glaubt, wem es um Nachhaltigkeit geht, für den ist Strukturwandel keine Bedrohung, sondern ein Überlebensprinzip und eine Herausforderung, die zu neuen Höchstleistungen anspornen", sagte der Bundespräsident in seinem Grußwort.

Eine Unternehmensführung müsse erkennen, dass die Mitarbeiter das Herz eines Betriebes seien. Je mehr sich diese als Teil eines Teams verstünden, desto besser seien am Ende die Ergebnisse für das gesamte Unternehmen. Diese Aussage gelte nicht nur für Reutlingen, sondern für überall. Köhler hofft, dass die aktuelle Finanzkrise zu einem Umdenken führen und einen Wendepunkt markieren kann: "Den Wendepunkt zur Wiederentdeckung der notwendigen Balance zwischen Kapital und Arbeit." Alle müssten begreifen, dass Menschen und nicht Geld die eigentliche Quelle von Kreativität sind", hob der Bundespräsident hervor.

"Wir haben zu lange sorglos Zukunft verbraucht - auch bei uns in Deutschland", mahnte Köhler. Und er warnte die Gäste des Festakts mit deutlichen Worten davor, sich allein auf die ersten Anzeichen einer wirtschaftlichen Erholung zu verlassen: "Jetzt müssen die Weichen richtig gestellt werden, damit sich so eine Krise nicht wiederholen kann. Nur dies schafft Vertrauen. Und Vertrauen ist die Basis unserer Wirtschaftsordnung, die Seele der Sozialen Marktwirtschaft".

Franz Fehrenbach, Vorsitzender der Geschäftsführung, war zuvor nochmals auf den Stellenwert der Waferfabrik für den Standort Reutlingen, aber auch für die gesamte Bosch-Gruppe eingegangen, schließlich handelt es sich um die bislang größte Einzelinvestition des Unternehmens. Für die gesamte Bosch-Gruppe sei diese Investition von weitreichender Bedeutung, denn der Bedarf nach Sensoren und Elektronikbauteilen werde in den kommenden Jahren deutlich zunehmen. "Wir schaffen hiermit die Voraussetzungen, um unsere Wettbewerbsfähigkeit weiter auszubauen", sagte Fehrenbach. Diese Investition sei nur möglich, weil Bosch auf ein solides finanzielles Fundament setzen könne und dadurch auch in schwierigen Zeiten die Zukunft unbeirrt im Blick behalte. "So hatten wir den Willen, die Kraft und die Mittel, den Bau dieser Anlage umzusetzen, wenn auch - krisenbedingt - zeitlich etwas verzögert", betonte Fehrenbach. Das Projekt zeige, dass das Unternehmen an seinen langfristigen Zielen festhalte. Investitionen wie die neue 200-Millimeter-Halbleiterfertigung seien dabei wichtige Meilensteine zur individuellen Mobilität. "Aber erst durch Menschen, die mit ihrem Können, Engagement und Verbundenheit zum Unternehmen täglich solch eine Anlage betreiben, wird aus einer Investition eine Erfolgsgeschichte", betonte der Vorsitzende der Bosch-Geschäftsführung.

"Der Region Neckar-Alb kann man an diesem Tag nur gratulieren", erklärte Stefan Mappus. Mit dieser Investition setze Bosch ein Signal, dessen Bedeutung über die Höhe der Investitionssumme hinausreiche: "Es ist ein Zeichen der Zuversicht", unterstrich der Ministerpräsident von Baden-Württemberg, der Bosch und dem Land noch viele innovative Produkte "made in Reutlingen" wünschte.

Doch es war nicht nur die Eröffnung der neuen 200-Millimeter-Waferfabrik, die das Staatsoberhaupt gestern in die Tübinger Straße geführt hatte. Köhler nutzte die Gelegenheit, um Dr. Jiri Marek, Dr. Michael Offenberg und Dr. Frank Melzer an ihrem Arbeitsplatz zu besuchen. Vor zwei Jahren hatte der Bundespräsident die drei Forscher mit dem "Deutschen Zukunftspreis" ausgezeichnet - "eine gute Auszeichnung", wie Köhler gestern anmerkte. Den drei Entwicklern war es gelungen, Sensoren zu entwerfen, die den Anforderungen der Konsumelektronik entsprechen, indem sie kleiner, preisgünstiger und in großer Zahl herstellbar sind. Durch mehrere neue Prozesse, beispielsweise Ätzen und Abscheiden des Materials, hatten sie die Grundlage dafür gelegt, dass sich die vorhandene Oberflächen-Mikromechanik für eine kostengünstige industrielle Produktion großer Stückzahlen von kleinen und sparsamen Sensoren einsetzen lässt. Vor Ort ließ sich der Bundespräsident jetzt über die Weiterentwicklung des prämierten Projektes und dessen Umsetzung in marktfähige Produkte informieren.

Neben der Waferfabrik besichtigte der Bundespräsident das ebenfalls neu errichtete Testzentrum. Zudem sprach er mit fünf ausgewählten Bosch-Mitarbeitern - darunter auch dem Betriebsratsvorsitzenden Daniel Müller.


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Autor: RALPH BAUSINGER | 19.03.2010

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