Endlich wieder ein freier Mensch sein
Wannweil. Rund 7000 Kilometer legt Heinz Ratz für eine menschliche Flüchtlingspolitik zurück. In der Region macht er mit einer Radaktion aufmerksam auf die Residenzpflicht für Flüchtlinge und fordert deren Abschaffung.
Es ist ein Kreisverkehr wie jeder andere und dennoch ist er bedeutend. An der Stelle, an der die Kirchentellinsfurter Straße, der Südring und die Wannweiler Straße aufeinander treffen, "verläuft eine Grenze, die für viele Menschen etwas Entscheidendes bedeutet", betont Liedermacher Heinz Ratz gestern Nachmittag. Es ist die Landkreisgrenze, die so viele Flüchtlinge in ihrer Bewegungsfreiheit einschränkt.
Auf dem Fahrrad brachte Ratz an dieser Stelle Tübinger Flüchtlinge und Mitglieder des Asylzentrums Tübingen zusammen mit Flüchtlingen aus Reutlingen und Mitgliedern des Asylcafés. Symbolisch machten sie die unsichtbare Grenze sichtbar. Denn mit ihr seien eine ganze Reihe von gesetzlichen Engpässen und Schikanen verbunden, sagt Ratz, der abends im franz.K mit seiner Band "Strom & Wasser" auftrat.
"Ihr müsst uns behandeln wie Menschen, wie freie Menschen" - dieser Satz, gesprochen von einem Flüchtling der in Tübingen lebt, steht für das, was alle Flüchtlinge wollen: Freiheit und nicht mehr Mensch zweiter Klasse sein. Neben Arbeitsverbot, Essenskisten und zu wenig Platz in den Lagern schränkt sie die Residenzpflicht zusätzlich in ihrer Freiheit ein. Die Asylbewerber sind an den zugeteilten Landkreis gebunden, dürfen diesen nur mit Ausnahmegenehmigung verlassen - vier Mal im Monat.
Von der neuen Landesregierung erhofft sich Susanne Haag vom Reutlinger Asylpfarramt zumindest eine Ausweitung der Regelung auf ganz Baden-Württemberg oder dass sie ganz abgeschafft wird. Denn verstößt ein Flüchtling gegen diese Auflage, bekommt er ein Bußgeld. Ein zweiter Verstoß kann bereits Auswirkungen auf das Asylverfahren haben.
Nouroudine Maman aus Togo und Paul Imasuen aus Nigeria erzählen, dass sie ihre Freunde nicht mehr sehen können, lediglich fünf Euro pro Halbjahr zur Verfügung haben, um sich bei der Arbeiterwohlfahrt Kleider zu kaufen, und Essen von einer Liste aussuchen müssen, das meist nicht ausreicht. Viereinhalb Quadratmeter stehen jedem Flüchtling als Schlafbereich zu, erzählen sie. Bis zu acht Personen teilen sich ein Zimmer. Hinzu kommt die Ungewissheit, wie lange das Asylverfahren dauert.
Andreas Linder vom Flüchtlingsrat Baden-Württemberg ist sich sicher, dass sich mit der neuen Landesregierung etwas verändern wird, doch nicht von alleine. "Wir müssen weitermachen für eine ersatzlose Abschaffung der Residenzpflicht."
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Autor: ANNE SCZESNY | 02.04.2011
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Symbolisch machen Asylbewerber die unsichtbare Grenze zwischen den Kreisen Reutlingen und Tübingen sichtbar und kämpfen zusammen mit Liedermacher Heinz Ratz für eine Abschaffung der Residenzpflicht. Foto: Anne Sczesny
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