Ein Drummer in den Daylight Loft Studios
Dieser Schlagzeuger hat immer noch ein Ass im Ärmel: Knapp 100 Besucher waren beeindruckt von Roberto Gatto, dem Jazzdrummer aus Italien.
Autor: JÜRGEN SPIESS |Dem Mann ist richtig heiß. Nach ein paar überraschend straight fließenden Takten und kräfteraubenden Pulswechseln beginnt sich sein Gesicht allmählich rot zu verfärben. Er zieht das Jackett aus, lässt den kahl geschorenen Schädel kreisen - und trommelt weiter.
Er stoppt den Fluss der Musik, haut mal hier mit den Händen auf die Snare Drum, mal da auf das Becken. Holt sich eine italienische Besucherin zum Übersetzen auf die Bühne, schäkert dann aber doch lieber mit ihr herum, als dass er ihr Informatives fürs Publikum liefert.
Doch beim nächsten Stück ist er wieder ganz Drummer, nimmt den Stick zwischen die Zähne und gibt den grimmigen Krieger. Roberto Gatto gilt nicht umsonst als einer der besten Schlagzeuger Italiens, denn er produziert mit seinem Drumset keinen Demonstrations-Lärm, sondern ein humorvolles Spektakel, eine augenzwinkernde Jagd durch Jazzstile, die Spaß macht und in ihrer mediterranen Unbeschwertheit ansteckend wirkt.
Gemeinsam mit seinen Mitspielern Mirko Signorile (Piano), Gaetano Partipilo (Saxofon) und Guiseppe Bassi (Kontrabass) zelebriert Gatto eine aufregende Session, in der sich bekannte Jazzthemen mit spontanen Passagen abwechseln. Das Ergebnis ist zugespitzter Modern Jazz mit Bebop-Einflüssen, melodisch von Saxophon-Gott John Coltrane inspirierte Soli und pianistisch waghalsige Tongemälde.
Ob sie nun von Chet Baker, Thelonious Monk oder aus der Feder des Bandleaders stammen: Es sind an diesem Samstag in den Daylight Loftv Studios überwiegend Balladen, die zum Furioso anschwellen.
Doch in einer Ballade steckt bei diesem eigenwilligen Quartett mehr Verve als anderswo im druckvollsten Stomper. Dabei wirkt alles durchkomponiert und unspektakulär. Das Quartett versteht es ebenso leise wie flink zu spielen, so, wie es in den 70er Jahren im Zuge der Jazzfusion ein sportliches Ideal vieler Musiker gewesen ist.
Dann verknotet Mirko Signorile am Klavier seine Beine und lässt die Finger wie eingeschlagene Blitze über die Tasten huschen. Der junge Pianist bietet mit artistisch enger Akkordführung harmonisch und motivisch dichte Fundamente des Ausdrucks. Sein Spiel wirkt zuweilen introvertiert, scheu, fast autistisch. Er ist einer, der mit der Melodie spielt, sie umkreist, belauert, kurz die Tatze ausfährt, die Tasten leicht antippt, nur um mit dem Lauern fortzufahren - ob beim schrägen, überbordenden "Jungle Tree" oder beim bebop-verhangenen und traurig anmutenden "Deine Hände".
Das Roberto Gatto Quartet ist eine ruhelose, nimmermüde Truppe, deren musikalischer Mastermind viel Erfahrung mitbringt und immer noch ein weiteres Ass aus dem Ärmel zu ziehen in der Lage ist. Dafür gibt es am Ende viel Beifall und vom Kritiker ein "Molto bene, signori!".




