Django ist es noch zu warm

Reutlingen.  Am Anfang war es eine "Wanderung zur Trauerbewältigung". Jetzt hat der 54-jährige Wandersmann aus Günzburg den nördlichsten Punkt Europas im Visier - den er allerdings mit gezielten Umwegen ansteuert.

Wer ans Nordkap will, den dürfen Minusgrade nicht schrecken. Auch nicht die sibirische Kälte, die aktuell über das Schwabenland hereingezogen ist. Kälte? "Das ist doch nicht kalt", lacht Django. Er steht am Marktplatz vor dem Spitalhof. Die Wintersonne lacht zurück. Am Sonntag geht es weiter. Nach Metzingen, nach Bad Urach, auf die Alb. Auch wenn es dort noch kälter ist. "Genau deshalb gehe ich dahin", sagt der 54-Jährige, "oder sehe ich etwa aus wie ein Weichei?" Am Ende seiner Reise will er schließlich am Nordkap stehen.

Django heißt mit bürgerlichen Namen Alwin Kölblin. Geboren im Breisgau, aufgewachsen im Stuttgarter Raum landet er in Günzburg, lernt dort Gärtner, arbeitet schließlich im Schichtbetrieb in einer Aluminium-Veredelung. Djangos bürgerliches Leben endet vor rund zwei Jahren: seine Lebensgefährtin stirbt am plötzlichen Herztod.

"Ich hab danach alles ausprobiert: Selbsthilfegruppen, auch Alkohol und Psychopharmaka, das war alles nichts." Also ist er raus aus seinem Umfeld, mit Hund nach Norddeutschland, um 14 Tage in der Natur zu leben. "Das war die beste Idee meines Lebens", berichtet Django. "Dort kam mir der Gedanke: Muss ich überhaupt zurück nach Hause?" Die Antwort gab ihm sein Hund. "Er hat mit dem Kopf geschüttelt, vermutlich aus einem ganz anderen Grund." Die Entscheidung aber stand. Ursprünglich war es eine "Wanderung zur Trauerbewältigung", wie er sagt. Dann hat er sich ein Ziel gesetzt: das Nordkap.

"Zu Fuß von der Zugspitze bis zum Nordkap", steht auch auf dem Schild, das Django auf die Wilhelmstraße gelegt hat. Daneben: ein halbes Dutzend Zeitungsartikel über ihn. Der Wandersmann weiß sich zu vermarkten. Und noch ein Schild, auf dem er seine Arbeitskraft anbietet, als "MFA - Männchen für alles". Denn: "Zu 99,9 Prozent finanziere ich mich selbst", sagt er, "das letzte Mal, dass ich mein Hartz IV abgeholt habe, war im September." Warum er darauf verzichtet? "Das kostet mich Überwindung. Es gibt andere Leute, die das nötiger haben als ich."

Dabei laufen seine Geschäfte derzeit schlecht: Gärtner werden gerade nicht benötigt, um Schnee zu schippen, fehlt der Schnee. "Von mir aus kann es einen Meter schneien." Django wäre für diesen Fall gewappnet: Lange Unterwäsche, Thermokleidung, Jacke, Skihose, dicke Socken, das reiche ihm. Dazu hat er noch einen Schlafsack, der bis minus 30 Grad warm hält.

Was macht er also, außer in der Wilhelmstraße zu stehen und Passanten zu fragen, ob sie ihn begleiten wollen? "Ich genieße das Leben", betont er. "Ich mache doch das, wovon jeder träumt. Negatives Denken habe ich abgeschafft." Und außerdem: "Ich habe so tolle Erlebnisse, warum soll ich Euch nicht daran teilhaben lassen?" Wer also bei Django stehen bleibt, dem erzählt der Wandersmann. Von der älteren Frau, die ihn mit ihrem Rollator rund acht Kilometern begleitet hat. Vom Nationalpark am Königssee, wo ihn ein Ranger zu einem Adlerhorst und einen Murmeltierbau geführt hat. Von dem Wildschwein-Frischling, das sich auf einer Waldlichtung in sein Zelt verirrt hat. Von der Leiterin eines Waldkindergartens, die ihm Frühstück gebracht und eingeladen hat, ihren Kindern von seinem Leben zu erzählen.

Und das Nordkap? "Am Anfang bin ich stur geradeaus gelaufen", berichtet er. "Aber das war Schwachsinn. Ich lasse mich jetzt zielvoll treiben." Will heißen: Er schaut nach links und rechts, läuft auch mal zick-zack und zurück. Am Ende aber, da steht Django am Nordkap.


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Autor: BERND HAASE | 03.02.2012

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