Die Stadt, der Markt und die Halle

Reutlingen.  Ab Januar 2012 kann die Stadthalle gebucht werden. Anfragen und Reservierungen liegen bereits vor. Geschäftsführer Volker Schmidtke sieht die GmbH gut gerüstet. Und der Draht zum Kulturamt sei "sehr gut".

Nein, Namen kann und will er noch nicht nennen. Erst Anfang 2012, sagt Stadthallen-Geschäftsführer Volker Schmidtke, geht es los mit den Buchungen, bis dahin seien die technischen Voraussetzungen (EDV) geschaffen.

Die Zeit drängt, das weiß auch Schmidtke. Seine GmbH, sagt er, habe alle Hände voll zu tun mit der Vorarbeit: Es geht um die "Findung der Bestuhlung", um Beleuchtung, um Garderobenhalter, um die Kassensituation, um Buchungssysteme, um Rigging (Aufhängen von Lasten) und solche Sachen. Auch um "Vereinzelungsanlagen". Wie bitte? Im Veranstalter-Slang versteht man darunter Drehkreuze oder Sensorschleusen - bauliche Anlagen zur Zutrittskontrolle.

Dennoch, kürzlich war Aufsichtsratssitzung, und vieles zeichnet sich nun etwas konkreter ab. Bei der Bestuhlung plant man jetzt eine Obergrenze von 1800 Plätzen (!) - auf Kosten der Beinfreiheit, wobei die Gesetzesnorm von 40 Zentimetern nicht unterschritten wird. 1800 Plätze? Ja, aber nur in der "ebenen" Variante. Schmidtkes Motto: "Mehr geht nimmer, weniger geht immer." Bei der "aufsteigenden" Bestuhlung reicht die Palette dann wie gehabt von 1500 Plätzen an abwärts.

In der Listhalle gab es 170 Veranstaltungen pro Jahr, in der Stadthalle, schätzt Schmidtke, werden es 200 bis 300 Veranstaltungstage sein. Auch beim heiklen Thema Miet- und Zusatzkosten sind nun Bandbreiten absehbar - vergleichbare Hallen, bestätigt Schmidtke, bieten Staffeln zwischen 1500 und 6000 Euro an. Im Fall der Reutlinger Stadthalle "gibt es keinen Standardpreis". Denn die Kosten sind von vielen Faktoren abhängig. Von der Saison, aber auch vom Tag - Kultur-Acts drängeln sich am Wochenende, Tagungen wochentags.

Womit wir mitten im heiß umstrittenen Thema wären: Viele Vereine befürchten, dass die Stadthallen-Miete viel kostspieliger werde als bei der Listhalle. Nein, "wir sind nicht teurer als die Listhalle", sagt Schmidtke. In der "technischen Ausführung" dann schon. Wer "Verfolger" braucht (Lichtspots), wer Technik-Personal ordert, wer einen gestimmten Flügel erwartet und so weiter - muss auch mehr zahlen.

Die Vereine haben ein Belegrecht: einen Anspruch pro Jahr auf einen städtischen Raum (nicht unbedingt auf den großen Stadthallensaal). Kleinere Vereinstermine liegen im "Grundpreissegment", brauchen zum Beispiel keine "Vereinzelungsanlage". Kurz, die GmbH wolle "so günstig wie möglich für die Kunden da sein". Und: "Wir bewegen uns im normalen Durchschnitt - es gibt durchaus teurere Hallen." Die Mietkostenzuschüsse der Stadt tauchen dann nicht in der GmbH-Bilanz, sondern im Hallen-Abmangel des Stadtetats auf - eine "klare Abgrenzung". Apropos Flügel: Den wird die Stadthalle - nach Prüfung - von der Listhalle übernehmen.

Und wo bittschön bleibt das kulturelle Profil? Da verweist Schmidtke auf sein Drei-Säulen-Modell: erstens Kultur und E-Musik, zweitens Unterhaltung und Gastspielen, drittens Tagungen und Kongresse. Die Anfragen bestätigen dieses Modell offenbar bereits.

Schmidtke bleibt bei seinen Grundaussagen: "Das Meiste regelt der Markt." Und: "Wir sind keine Intendanz." Das heißt, "wir wählen nicht aus". Was aber passiert, wenn "der Markt" es will, dass sechs Stepptanzgruppen das Stadthallenjahr 2013 zupflastern? "Dann wähle ich natürlich aus", räumt Schmidtke ein - eine Gruppe im März und eine im November tuts auch: aus "betriebswirtschaftlichen" Gründen. Und wenn "der Markt" gehäuft nur drittklassige Veranstaltungen in die Stadthalle spült? "Dann gehen wir ein bisschen in die Intendanz", gibt Schmidtke zu, will heißen: Die zweite und erste Garnitur geht vor.

Damit ist das nächste Streitthema benannt: Wäre es da nicht besser, in der GmbH einen kulturellen Veranstaltungskoordinator zu verankern, der genau diese Dinge regelt? Der Akzente setzt und zwischen Populärem und Innovativem vermittelt? Schmidtke meint: nein. Dafür seien das Kulturamt, die Philharmonie und die Vereine zuständig. Er finde "Trennung" besser.

Kulturamt und Philharmonie, sagt Schmidtke und verweist auf deren Programmpläne, haben mehr "künstlerische Kompetenz" und werden die Halle ja auch bespielen. Falls es zu Dubletten, etwa zwischen Kulturamtsplanung und kommerziellem Hallenprogramm, komme, "sind wir ja nicht blind". Aber dazu, findet Schmidtke, brauche es "keinen Intendanten, sondern bloß einen logisch denkenden Menschen". Er werde eine Veranstaltung nie durch eine konkurrierende andere "beschädigen" wollen.

Namen? Nennt er noch keine. Im Gespräch fallen dann doch einige, allerdings nicht im Zusammenhang mit konkreten Buchungen. David Garrett etwa - den hat Schmidtke, vorher Geschäftsführer in Dresden, zwei Mal gemacht (einmal rein klassisch-ernst, was das Publikum aber nicht goutierte). Oder Mark Medlock, James Last, Woody Allen - nicht immer Garantieerfolge. Schließlich Udo Jürgens (hier mal unabhängig von verweigertem Vaterschaftstest und dokumentiertem Reutlinger Hotelaufenthalt).

Wie gehts weiter? Schmidtke will sein technisches Personal (derzeit neun) wie geplant auf 20 ausbauen. Und ja, die Zeit drängt. Mietkostenstaffel, Buchungen - für all das ists längst höchste Eisenbahn.

1400 Plätze seien für viele Veranstalter erst der "Break-Even-Point", sprich: zu wenig, 1800 seien besser. Die Halle habe so "ein Alleinstellungsmerkmal": Südlich von Stuttgart bis zum Bodensee, sagt Schmidtke. "gibt es keine Halle in dieser Größenordnung" - außer vielleicht die Balinger Sparkassen-Arena. Immerhin: Das neue Logo ist fertig (die Halle in dunkelroter Trägerstruktur) - und der Name bleibt, wie er ist: Stadthalle Reutlingen.


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Autor: OTTO PAUL BURKHARDT | 17.11.2011

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