Die Liebe seines Lebens

Angenehme Auszeit mit guten Gesprächen: Die Christliche Gemeinde lud zum Frauenevent und wartete mit einer Premiere auf: Nicola Vollkommer stellte ihr neues Buch "Am Rande der gefrorenen Welt" vor.

ANNE SCZESNY |

Raus aus dem Alltag und auftanken konnten die Frauen, die der Einladung der Christlichen Gemeinde Reutlingen folgten. Mit leckerem Fingerfood, Sekt und einem festlich dekorierten Saal konnten die Frauen nicht nur aus den Gesprächen neue Impulse ziehen, in eine andere, fremde Welt entführte an diesem Abend Nicola Vollkommer die Frauen. Es ist die Geschichte ihres Onkels John Sperry. "Ich bin mit der Geschichte quasi groß geworden", erzählte sie. An diesem Abend las sie zum ersten Mal aus ihrem neuen Buch, nur ihr Mann war bislang in den Inhalt eingeweiht. Für sie eine ideale Premiere, denn "Frauen sind immer sehr aufgeschlossen", schmunzelte die gebürtige Engländerin.

Coppermine, das scheint das Ende der Welt. Hoch oben in der Arktis lebten in den 50er Jahren bei minus 60 Grad die Inuit in ihren Iglus, weit verstreut über die eisige Wüste, abgeschieden von der Zivilisation. Hierhin zog es einen jungen Engländer mit seiner Frau, einen Pfarrer der anglikanischen Kirche. Vollkommers Buch "Am Rande der gefrorenen Welt" ist nicht nur die Geschichte eines beeindruckenden Mannes, es ist zugleich die Geschichte des Untergangs der Inuit.

Über 19 Jahre lebte ihr Onkel John Sperry als Pfarrer im hohen Norden Kanadas in Coppermine, aß rohes Fleisch, nahm unglaubliche Strapazen auf sich und verzichtete auf die Annehmlichkeiten des modernen Lebens. Er erhielt den höchsten Orden Kanadas, wurde zum dritten Bischof der Arktis ernannt, er hat die Queen getroffen. Doch das alles war nichts im Vergleich zu seiner Liebe zu den Inuit. "Die Liebe seines Lebens sind die Eskimos", erzählte Vollkommer. Die Iglubewohner seien seine Kirche habe er immer wieder gesagt. In beeindruckenden Bilder ließen die Kinder Sperrys zu dessen 85. Geburtstag sein Leben in einem kleinen Film Revue passieren. Bilder, die einen tiefen Einblick in das Leben in der Eiswüste geben und keiner Erklärung bedürfen und die Vollkommer ihren Zuhörern nicht vorenthielt. Wenn Vollkommer von ihrem Onkel erzählt, spürt man die Wärme, den Respekt und die Zuneigung zu ihrem Onkel. Mit viel Humor hat sie das durchaus anstrengende und schwierige Leben und die Passion von Sperry zu Papier gebracht. Sie erzählt von seinen Streichen in der Schule, den einschneidenden Erlebnissen als Marinesoldat in Hiroshima und der darauf folgenden Zeit auf dem Bibelcollege. Sie beschreibt den turbulenten Weg von Halifax nach Coppermine, auf dem besonders der neue Parker unter einem Mitreisenden zu leiden hatte. Sie erzählt, wie er das erste Mal auf die Inuit trifft, in ihrem Iglu sitzt, rohes Fleisch isst und in die Geheimnisse des Lebens der Inuit eingeweiht wird. Bei ihnen verbrachte er in den Wintermonaten seine Zeit.

Drei Reiserouten führten ihn von November bis Juni bei minus 60 Grad tausende Kilometer quer durch die Arktis. Dabei war er nicht nur Pfarrer, er war zugleich Arzt, Geschichtenerzähler und Handwerker. An Weihnachten jedoch kamen alle Inuit in Coppermine zusammen. Sie handelten ihre Arktisfuchsfelle und feierten gemeinsam Weihnachten. Das Besondere an der Arbeit ihres Onkel sei, dass er nicht nur die Sprache der Inuit lernte, statt sie anzupredigen, lebte er unter ihnen und wurde ein Teil des dortigen Lebens, ohne dafür eine Gegenleistung zu verlangen, erklärte Vollkommer. Es ist die Geschichte eines bescheidenen Mannes, dem das Wohl der Inuit mehr am Herzen lag als irgendwelche Auszeichnungen und der mit seinem Charme, Witz und seiner Liebe zu diesem Volk die Anerkennung seiner Gemeindemitglieder gewann.

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