Die Akten der Reichsstadt im Netz

Historisch Interessierte können im Internet Einblick in das Verzeichnis der "Reichsstädtischen Urkunden und Akten" des Reutlinger Stadtarchivs nehmen. Archivar Gerald Kronberger erklärte jetzt das "Findbuch.net".

RALF OTT |

Mit Unterstützung der Deutschen Forschungsgemeinschaft konnte das Reutlinger Stadtarchiv das 26-bändige Findbuch mit dem Verzeichnis der "Reichsstädtischen Urkunden und Akten" digitalisieren und im Internet verfügbar machen. Damit lässt sich der Bestand von immerhin 8000 Pergamenturkunden, papiernen Schriftstücken sowie kleineren Akten und Heften mit Hilfe von Suchbegriffen rasch und effektiv durchforsten. Die Dokumente bilden die schriftlich fixierte Grundlage der Stadtgeschichte. Bereits 1665 hatte der Reutlinger Magistrat die "zimbliche Confusion und Ohnordnung" der Dokumente und Urkunden in der Alten Canzley am Marktplatz beklagt und eine Kommission aus "Inspektoren und Registratoren" benannt, deren Aufgabe es war, die vorhandenen Schriftstücke zu erfassen. 1667 lag das erste Aktenverzeichnis vor.

Nach der Zerstörung der Alten Canzley im Stadtbrand von 1726 wurden die Aktenbestände in den Seitentürmen der Marienkirche gelagert. Von dort wurden die Bestände 1940 nach Holzelfingen gebracht. Sieben Jahre später erfolgte die Rückführung in das neue Verwaltungsgebäude in der Bismarckstraße. Dort schließlich war es Dr. Hermann Kalchreuter, bis 1945 Direktor des Friedrich-List-Gymnasiums, der 1952 die Betreuung des Stadtarchivs übernommen hatte und bis zu seinem Tod 1961 überaus akribisch ein Verzeichnis der genannten 8000 Dokumente - die heute unter dem Kürzel "A 2" geführt werden - erstellt hat. Doch Kalchreuter beließ es nicht bei der reinen Erfassung, sondern hat für die spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Urkunden sowie weitere Archivalien sogenannte Regesten, also inhaltliche Zusammenfassungen, erstellt. Darin sind Personen-, Orts-, Sach- und Datierungsangaben genauso enthalten wie formale Beschreibungen, erklärte Kronberger. Auf diese Weise ist es möglich, ohne detaillierte Kenntnisse alter Handschriften beziehungsweise einer Vielzahl von Abkürzungen problemlos den Inhalt zu erfassen und diesen für Forschungszwecke zu nutzen.

Den Detailreichtum der Arbeit Kalchreuters verdeutlichte Kronberger an der ältesten erhaltenen Urkunde aus dem Jahr 1298. Sie gilt Historikern als ein Beleg für die Entwicklung Reutlingens zur Stadt, denn es wird der Verkauf einer Wiese bei Rappertshofen durch die Leitung der Reutlinger "Sondersiechenpflege" dokumentiert. Dies zeigt, dass die Stadt damals bereits Aufgaben im Sozial- und Gesundheitswesen übernommen hatte. In der Urkunde selbst ist als Datum angegeben: "Da man von Gottes Geburt zählt zwölf hundert Jahr/neunzig Jahr/ und in dem achten Jahr am dem nächsten Samstag nach dem Osterfest". Im Regest von Kalchreuter steht bereits kurz und knapp "Samstag, 12. April, 1298" - und das Internet-Findbuch bietet nun die kompletten von Kalchreuter in den Regesten erfassten Informationen auf einen Blick am Bildschirm des PC.

Der Antrag für die systematische elektronische Erfassung wurde im Oktober 2013 von Seiten der Deutschen Forschungsgemeinschaft bewilligt. Ein privates Dienstleistungsunternehmen hat die vorliegenden Dokumente im Jahr 2014 eingescannt und dann die Daten in das Findbuch importiert. Seit einem dreiviertel Jahr sind diese nun im Internet zugänglich. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, im Findbuch des Stadtarchivs zu recherchieren. So können Personennamen eingegeben werden, aber auch Sachbegriffe. Ebenfalls lassen sich die gewünschten Ergebnisse durch eine zeitliche Festlegung im Umfang begrenzen. Und über die Eingabe von Personennamen lassen sich zum Beispiel auch weitergehende Forschungen anstellen, wie Kronberger am Beispiel von Walther von Haigingen, dem Verkäufer des Grundstück bei Rappertshofen, verdeutlichte. Das Findbuch liefert immerhin in einem relevanten Zeitraum einen weiteren bedeutsamen Eintrag, nämlich den Kaufbrief über ein Geldgeschäft, das von einem städtischen Richter, eben jenem Walther von Haigingen, beglaubigt wurde. Für die Historiker ist dies ein sicherer Hinweis auf dessen herausragende Stellung als Patrizier beziehungsweise dem Ortsadel der Region innerhalb der Reutlinger Ehrbarkeit zugehörig. Haigingen ist dabei der ältere Ortsname von Hayingen und verweist auf die Herkunft.

Info Das elektronische Findbuch für die Reutlinger Dokumente ist im Internet zugänglich unter: "www.stadtarchiv-reutlingen.findbuch.net".

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