Der Zeit immer 20 Jahre voraus?

Reutlingen.  Lob ausgerechnet von den Grünen für die Fair-Energie? Vieles habe sich in den vergangenen Jahren zum Positiven entwickelt, sagt die Fraktion.

Frank und frei räumte die Grünen-Fraktion gestern ein: "Wir haben uns getäuscht." Die Befürchtungen der Reutlinger Öko-Partei in bezug auf die Fair-Energie seien nicht eingetreten. Im Gegenteil: "Dort wurde erkannt, dass man mehr auf Ökologie setzen muss", sagt Heide Schnitzer. So sei etwa vermehrt in Blockheizkraftwerke investiert worden, die Wasserkraft rücke verstärkt in den Vordergrund und die so genannte "Wohlfühlwärme" als neues Produkt sei ein gutes Instrument, um in Zukunft mehr und mehr auf "Contracting" zu setzen.

Was das ist? "Ein Beispiel: Künftig könnte die Fair-Energie als Dienstleister nicht mehr nur Strom und Wärme liefern, sondern auch den Kühlschrank", erläutert Schnitzer. Der Kunde würde keinen Cent für das Gerät bezahlen, sondern den gleichen Strompreis wie bisher über eine Laufzeit von zehn Jahren. Weil aber der neue Kühlschrank deutlich weniger Energie verbrauche als bislang, finanziere sich aus dieser Differenz der Gewinn für die Fair-Energie. Übertragbar sei das auf Heizungen, auf Gefriertruhen und sogar auf Licht. "Jetzt steht ja die Sanierung des Rathauses an, da könnte die Fair-Energie dann die neuen stromsparenden Lampen liefern", sagt Gabriele Janz. Undenkbar? Solche Verträge bestehen schon, zum Beispiel beim Bildungszentrum Nord, wo die Fair-Energie ein Blockheizkraftwerk installiert hat und das BZN weiterhin lediglich die Wärme und den Strom bezahlt.

Der Anreiz zum Energiesparen würde durch solche Modelle enorm gesteigert. Doch für die Grünen gab es nach fünf Jahren im Vorstand der Fair-Energie noch mehr Grund zum Loben, "wenns auch schwer fällt", sagt Rainer Buck mit einem Schmunzeln. Positiv sei etwa die geplante Ummünzung von Gomaringen-Stockach in ein Bio-Energie-Dorf. Positiv auch, dass in der Fair- Energie-Kantine regionale Bio-Produkte angeboten werden. "Bei all den Maßnahmen merkt man, dass in der Gesellschaft ein Wertewandel stattgefunden hat", so Buck. Umweltschutz sei jetzt kein Nischenprodukt mehr.

Wem das zu verdanken sei? "In aller Bescheidenheit auch den Grünen", sind sich Janz, Schnitzer und Buck einig. "Der lange Atem unserer ökologischen Kommunalpolitik hat der jetzigen Entwicklung den Boden bereitet." Aber: Natürlich gebe es bei der Fair-Energie nach wie vor eine Vielzahl an Defiziten. Der Atomstrom-Anteil sei zwar von über 50 auf heute 44 Prozent gesunken, "das ist aber immer noch zu viel". Die Konsequenz lautet: Die Eigenstromproduktion müsse weiter vorangetrieben werden, auch mit Windkraft auf der Alb. "Der größte Knackpunkt ist aber die Beteiligung der EnBW an der Fair-Energie", so Schnitzer. Das gefällt den Reutlinger Grünen überhaupt nicht, weil der Stromgigant mit seinen knapp 25 Prozent auch genauso viel vom Gewinn einstreicht, also zwischen zwei und drei Millionen Euro pro Jahr. Mit einem Modell einer Bürgergenossenschaft könne die "Rekommunalisierung" vorangetrieben und die Anteile der EnBW zurückgekauft werden.

Die Grünen fordern nun die Stadt auf, auch ein Modell namens "Energie in Bürgerhand" zu unterstützen. Ein zweiter Antrag beschäftigt sich mit dem "Energieszenario 2030" - dementsprechend soll die Stadt darauf dringen, sich für die Umsetzung einer Politik einzusetzen, die auf 100 Prozent erneuerbare Energien setzt. Utopisch? "Wir sind unserer Zeit immer um 20 Jahre voraus", sagt Schnitzer.


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Autor: NORBERT LEISTER | 12.12.2009

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