Der Süden grüßt die Achalmstadt

Reutlingen.  Musik ist ein Austausch der Kulturen: Dem trägt das Festival "SUR" Rechnung, das vom 31. Juli bis 14. August vier Konzerte, darunter mit den Weltstars Billy Cobham und Desorden Publicó, im Angebot hat.

Der Ausdruck "World Music" wurde Anfang der 80er Jahre in London kreiert, die Franzosen sprechen lieber von "musiques du monde", von Musikarten der Welt. Tatsächlich ist das Phänomen "Weltmusik" alles andere als neu, ein Beginn lässt sich dafür kaum ausmachen. Schon als der Komponist Béla Bartók auf die Suche nach alten ungarischen Volksmelodien ging oder als Giacomo Puccini sich durch traditionelle japanische Klänge inspirieren ließ, beteiligten sich diese Meister am Verschmelzen der Räume und Kulturen.

"Wir haben das Programm bewusst breit gestreut und wollen mit dem Festival kein bestimmtes Zielpublikum ansprechen", sagt franz.K-Geschäftsführer Andreas Roth über die musikalische Ausrichtung des Indoor-Festivals. Der Bezug zur Weltmusik ist dem Veranstalter besonders wichtig, wobei der Festivalcharakter nicht überbewertet werden soll: "Das Festival ist keineswegs nur an den allgemeinen Tourbetrieb gekoppelt, sondern soll einen ganz eigenen Charakter entwickeln", formuliert Roth als Anspruch. Dafür konzipierte er ein Konzertprogramm, das den Süden nach Reutlingen bringt und das es durchaus mit anderen vergleichbaren Weltmusik-Festivals in der Region aufnehmen kann.

SUR startet am Samstag, 31. Juli, 20 Uhr, mit dem Café Cantante. Eine Reihe, die bereits zum neunten Mal im franz.K ausgerichtet wird und die Vielfalt der verschiedenen Musiktraditionen Spaniens widerspiegelt. Der seit mehr als 40 Jahren im Schwäbischen lebende Juan Remon steht wie kaum ein anderer für eine Musik, die unterschiedliche Kulturen miteinander vereint. Er vermischt Operette (Zarzuela) mit spanischen Volksliedern, klassische spanische Musik mit populären Melodien von "Bésame mucho" bis "Granada". Gemeinsam mit dem Reutlinger Pianisten Karl Grüner hat der Spanier mit der bekannten kubanischen Sängerin Yaqueline Castellanos und ihrer Landsmännin Lázara Cachao López am Piano zum SUR-Festival ganz besondere Gäste ins Cafe-Cantante-Boot geholt.

Am Freitag, 6. August, 20.30 Uhr, präsentiert das Festival mit dem Oud-Spieler Chaouki Smahi, der mehrere Jahre in Reutlingen gelebt hat, und anderen bekannten Musikern wie Mike Herting (Piano) und Paul Shigihara (Gitarre) den Weltklasse-Drummer Billy Cobham in einem Konzert, das dem verstorbenen Jazz-Saxofonisten Charlie Mariano gewidmet ist.

Cobham, der in den Formationen von Miles Davis und im Mahavishnu-Orchestra Jazzgeschichte geschrieben hat, ist ein echter Powerdrummer. Man kann gespannt sein, in welcher Form sein zupackender Rockjazz mit den feinen Weltmusik-Anleihen Smahis eine Verbindung eingehen. Das Konzert findet in Kooperation mit der Stadt und dem Jazzclub "In der Mitte" wie alle anderen Festivalveranstaltungen im großen franz.K-Saal statt.

In eine ganz andere musikalische Richtung geht es am Donnerstag, 12. August, 21 Uhr, wenn Desorden Publico erstmals nach Reutlingen kommt. Die acht Musiker aus Venezuela bilden seit Jahren die Speerspitze der Latinska-Fraktion des kleinen südamerikanischen Landes und gelten als eine der besten Livebands des südamerikanischen Kontinents. Tutti und Soli, schnelle Ska-Parts und scheppernde Offbeats wechseln sich bei der Band ab - und wenn man glaubt, das Höchsttempo sei erreicht, sattelt die Spaß-Guerilla nochmal eins drauf. Tex-Mex gerappt, unterlegt mit Ska, Salsa, Rock, Merengue und Rockabilly: Bei dem Auftritt der Südamerikaner wird vor allem auch das tanzwütige Publikum voll auf seine Kosten kommen.

Okan ist eine der wenigen kubanischen Son-Formationen, die ausschließlich mit Frauen besetzt ist und dazu noch in ihrer Heimat riesige Erfolge feiert. Die jungen Damen um Pianistin Martha Elena Vilari·o spielen Son, Bolero, Rumba, Cha-Cha-Cha und all jene Stilrichtungen, die irgendwann zum derzeit so angesagten Salsa-Gemisch führten. Nicht nur, dass Okan eine höchst sympathische und ansehnliche Son-Cubano-Band ist, sie verkörpert auch perfekt den Geist des alten Son und gibt ihm gleichzeitig eine erfrischend moderne Note mit. Trotz ausufernder Tanzeinlagen rückt die Band immer die Musik ins Zentrum, beschreitet gar Wege abseits jeglicher Son-Cubano-Klischees. Die siebenköpfige Frauenband aus Santiago de Cuba beschließt am Samstag, 14. August, 21 Uhr, das Festival.

Das Vermischen von Kulturen - ein Slogan, so griffig, so prägnant wie schlicht. Dahinter verbergen sich bei "SUR" weltmusikalische Projekte, die den Zuschauern Einblicke in andere Musik-Traditionen geben wollen. Gleichzeitig stellen sie unter Beweis, welche Vielfalt und Lebendigkeit Musik aus den südlichen Ländern zu bieten hat.

Info Das Festival "SUR" startet am Samstag, 31. Juli, und geht bis 14. August im franz.K. Dort gibt es auch Karten im Vorverkauf.


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Autor: JÜRGEN SPIESS | 30.07.2010

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