Dem Quartier wieder Niveau geben
Reutlingen. Einstimmig sprach sich der Gemeinderat für eine Veränderungssperre im östlichen Bereich der Albstraße aus. Das Gremium will damit eine weitere Ausdehnung des Vergnügungssektors stoppen.
Es ist eines der vielschichtigsten Quartiere in der Innenstadt, es vereint Industriebrache auf dem Wendler-Areal und Vergnügungssektor. Im Bebauungsplan "Albstraße - zwischen Seestraße und Betzenriedstraße" befasste sich der Gemeinderat am Dienstagabend zum einen mit der frühzeitigen Beteiligung der Öffentlichkeit, zum anderen mit einer Veränderungssperre im östlichen Teilbereich - also dort, wo eine Spielhalle, die Eros-Arena und eine Sexvideothek angesiedelt sind.
Im Planungsrecht spielen, wie Stefan Dvorak, Leiter des Amts für Stadtentwicklung und Vermessung, sagte, "moralische Anschauungen" keine Rolle. Für den Ausschluss bestimmter Anlagen und Betriebe spräche vielmehr, dass diese andere Gewerbe- und Einzelhandelsnutzungen verdrängen, indem sie überhöhte Mieten zahlen würden. Dazu käme ein Wertverfall der umgebenden Grundstücke durch den "Trading-down-Prozess", der auch auf die Beeinträchtigung durch aufdringliche Werbung verwies.
Das rund 2,3 Hektar große Wendler-Areal wird dabei ein Schwerpunkt der Entwicklung sein. Ein städtebauliches Konzept, das die Gebrüder Wendler haben erstellen lassen, wurde mit der Stadtverwaltung abgestimmt und bildet die Basis für den Bebauungsplan. Das Konzept verfolgt das Ziel, "die erhaltenswerten Bestandsgebäude mit neuen baulichen Strukturen zu ergänzen, um qualitätsvolle Platz- und Straßenräume zu bilden", heißt es in der Vorlage. Der Triebwerkskanal soll durchgängig freigelegt werden, die Echaz wird renaturiert und an beiden Ufern begrünt. Neben Büros und Dienstleistungen sollen dort Gastronomie-, Freizeit- und Kulturangebote eine neue Heimat finden.
Mit der Veränderungssperre blockiert der Gemeinderat mehrere Bauanträge. Diese sahen eine Nutzungsänderung im Echazbau (Albstraße 70) der denkmalgeschützten ehemaligen Lederfabrik E. Ammer vor. Dort sollte unter anderem eine "Beauty-Farm mit Saunabereich" und eine Großspielhalle und Einzelhandel untergebracht werden. Als Mieter träte die Firma Maxima auf. Von der Sperre ebenfalls betroffen ist die Nutzung einer Terminwohnung in der Albstraße, die bislang von Prostituierten im regelmäßigen Wechsel genutzt wird. Seit gut einem Jahr läuft in dieser Sache ein Verfahren vor dem Verwaltungsgerichtshof Baden-Württemberg.
Rainer Löffler bezeichnete den Bebauungsplan als spannend - er beinhalte eine "alte Industriebrache und ein Areal, das uns etwas entglitten ist". Insbesondere im östlichen Teilbereich habe ein Trading-down-Prozess eingesetzt. "Wenn wir jetzt keinen Riegel vorschieben, bringen wir dort keinen Fuß mehr auf den Boden", begrüßte der stellvertretende CDU-Fraktionsvorsitzende die Veränderungssperre.
Eine Sichtweise, die alle Fraktionen im Gemeinderat teilten. "Wir haben dort jetzt schon eine kleine Schmuddelecke, wir müssen schauen, dass es kein großer Schandfleck wird", sagte Silke Bayer (SPD). "Die Veränderungssperre ist wichtig, um dem Quartier Niveau zu geben", unterstrich Julius Vohrer (FDP). Der Bebauungsplan biete die Chance, die Albstraße zu entwickeln, betonte Marcellus Kolompar. Der Grünen-Stadtrat befürwortete ebenfalls die Veränderungssperre - auch um eine Ausweitung der Wohnungsprostitution zu unterbinden.
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Autor: RALPH BAUSINGER | 29.07.2010
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