"Das Konzept ist ungerecht"

Kreis Reutlingen.  Doch wieder in neun Jahren zum Abitur? Drei Gymnasien im Kreis bekunden Interesse am Modellversuch des Landes. Derweil äußert der Städtetag Kritik am Konzept - und will den Zugang für Bewerber lockern.

Der schnellere Weg ins Berufsleben ist das eine. Stundenlanges Lernen auch am Wochenende, weniger individuelle Förderung der Schüler, kaum Zeit für Hobbies und musische Fächer - das ist das andere. Das achtjährige Gymnasium spaltet Eltern, Lehrer und Bildungsexperten. Die Kritik am so genannten "G 8" ist nie richtig abgeebbt, auch wenn sich viele Gymnasien mittlerweile mit der Reform arrangiert haben. Dieses Jahr strebt der erste G 8-Jahrgang zum Abitur, gemeinsam mit den letzten Schülern, die noch nach neun Jahren die Hochschulreife erlangen.

Die letzten G 9-er? Wohl kaum, denn gleich nach dem "Doppel-Abi" will die grün-rote Landesregierung im Herbst wieder den neunjährigen Weg zum Abitur ermöglichen. Zum Schuljahr 2012/13 sollen in einem Modellversuch maximal 22 neunjährige Gymnasien in Baden-Württemberg starten, weitere 22 dann ein Jahr darauf.

Schon früh haben in Reutlingen zwei Schulen erwogen, sich an dem Projekt zu beteiligen: das Isolde-Kurz-Gymnasium (IKG) und das Albert-Einstein-Gymnasium (AEG). Im IKG bastelten die Verantwortlichen bereits im Sommer an einem Konzept für einen G 9-Zug. Mit Unterstützung der Stadt (sie muss als Schulträger den Antrag stellen) sei ein Schreiben an das Kultusministerium rasch eingereicht worden, sagt Schulleiter Martin Englert.

Monatelang hörten die Reutlinger nichts aus Stuttgart. Jetzt steht fest: Aus dem G 9-Angebot zum nächsten Schuljahr wird nichts. Das Gymnasium kann die erst Mitte Januar offen gelegten Bedingungen des Kultusministeriums so kurzfristig nicht erfüllen, sagt der Schulleiter. Zum einen wurde am IKG mit nur einem G 9-Zug geplant, das Ministerium möchte aber zwei pro Schule einrichten. Zum anderen müssen alle Beschlüsse in Sachen G 9 erneut von allen Schulkonferenzen abgesegnet werden. Am 1. März endet die Antragsfrist für die ersten 22 Gymnasien. Englert: "Das kriegen wir in Zeiten der Zeugniskonferenzen nicht so schnell durch alle Gremien."

Dennoch möchte der Pädagoge am Ball bleiben, weil er überzeugt ist, dass Reutlingen ein solches Angebot brauchen kann. Die Schulleitung prüft jetzt, ob das IKG zum Jahr 2013 den neunjährigen Bildungsgang anbieten kann.

Ob es im Albert-Einstein-Gymnasium so weit kommt? Das entscheidet die Gesamtlehrerkonferenz erst am 8. Februar, so Schulleiter Bernhard Haas. Fakt ist: Im Lehrerkollegium besteht eine Projektgruppe, die Interesse an einem G 9-Zug für das AEG hat und sich des Themas auch detailliert angenommen hat. Das Schulleitungs-Team selbst sei jedoch gegen die Reform der Reform, lässt Schulleiter Bernhard Haas durchblicken. Allerdings nicht wegen des neunten Jahres ("wenn die Rahmenbedingungen stimmen, ist das ein verlockendes Modell"), sondern wegen des Konzepts. Haas: "Das lässt sich an unserer Schule schlicht nicht umsetzen."

Am AEG lernt bereits eine bilinguale Klasse, zu den zwei G 9-Zügen käme dann ein weiterer achtjähriger Bildungsgang. Das Problem: In diesem Fall kämen nicht genügend Schüler für die einzelnen Profile zusammen. Und fünf Klassen kann das AEG nicht anbieten, denn dort bestehe akute Raumnot, betont der Schulleiter. "Das würde sich noch verschärfen, wenn wegen des G 9-Angebots noch mehr Schüler auf das Nordraum-Gymnasium drängen", fürchtet Haas. In den vergangenen Jahren hat die Schule bereits fünf Parallelklassen aufgenommen. "Mehr Platz ist nicht da. Die Schüler, die schon hier sind, brauchen ordentliche Verhältnisse."

Bleibt der dritte Interessent im Bunde - das Bad Uracher Graf Eberhard Gymnasium. Dort hat die Schulkonferenz am Dienstag grünes Licht für einen G 9-Zug gegeben (wir berichteten). Am 14. Februar entscheidet der Gemeinderat, ob die Stadt als Träger den Antrag im Ministerium stellen wird.

Kritik am Konzept für das neunjährige Gymnasium haben Vertreter des baden-württembergischen Städtetages geäußert. Der kommunale Spitzenverband, unter Vorsitz der Reutlinger Oberbürgermeisterin Barbara Bosch, ist "nicht gerade begeistert" vom Modellversuch der Landesregierung. Das sagte Norbert Brugger, der Bildungsreferent des Städtetages, auf Anfrage unserer Zeitung. "Das Projekt passt nicht mehr in die Schullandschaft", urteilt er. Gerade jetzt könnten die allgemeinbildenden Gymnasien erstmals ohne die Doppelbelastung zweier Abiturjahrgänge arbeiten. Außerdem verweist Brugger auf mehr als die Hälfte der Schüler, die ihr Abitur ohnehin an beruflichen Gymnasien machen.

Die Städte bemängeln besonders, dass aus jeder Kommune nur ein Gymnasium an dem Modellversuch teilnehmen darf (was schon im Falle Reutlingens zu Interessenkonflikten führen könnte). Der Verband drängte in einem Gespräch im Kultusministerium darauf, die engen Voraussetzungen für die Einführung des G 9-Zuges zu lockern, also das Angebot auszuweiten. Sollten sich aus einer Stadt mehrere Schulen bewerben, fordert der Städtetag, dass diese in eine "pädagogische Endauswahl" kommen.

Ferner sollen nicht nur vierzügige, sondern auch dreizügige Gymnasien am Versuch teilnehmen können, da eine Vierzügigkeit an den Gymnasien in größeren Städten eher die Ausnahme sei. Brugger: "Das derzeitige Konzept ist unzureichend, weil es zu Ungerechtigkeiten führt."


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Autor: CHRISTINA HÖLZ | 07.02.2012

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