Cooler Cowboy im Taumel der Nacht

Reutlingen.  Es gibt Menschen, die erleben die Welt in Zeilen: Gisbert zu Knyphausen legte im franz.K eine nach Meer duftende Indierock-Performance hin.

Zerlegte Hotelzimmer, Drogen, heikle Statements, Rutschen auf Talkshow-Stühlen, Titelseiten, Stadionrock? Fehlanzeige. Der in Hamburg lebende Gisbert zu Knyphausen ist mehr ein singender Musiktherapeut (hat er auch studiert), dessen Songs und Konzerte aus vertrackter Lage helfen - ob Liebeskummer, Popunlust oder Alltagssüberdruss.

Mit einem schlichten, fast geflüsterten "Hallo" begrüßt der bärtige Sänger und Gitarrist das Publikum im ausverkauften franz.K. Der überhaupt nicht adlig wirkende Liedermacher - er stammt aus einer eben solchen Winzerfamilie - scheint gleichermaßen beliebt bei Journalisten, Frauen und beim Rest-Indievolk zu sein. Von "Leichtigkeit und Größe in der Musik" ist bei ihm häufig die Rede, vom "Vordenker guter Popmusik" und vom "spröden Waterkant-Charme" und "grundehrlichen Indierock-Arrangements".

Auch im franz.K fliegen dem Sänger und seiner Vier-Mann-Band die Herzen der gut 620 Fans nur so zu. Dicht gedrängt stehen schlaksige Jungs und hübsche Mädchen mit geschlossenen Augen da. Andere tanzen sich frei oder singen die Texte leise mit. Natürlich weiß der Künstler um die Wirkung seiner leicht vulgären Alltagssprache, die sich so nahtlos und diskret in seine gebrauchslyrische Gestik einfügt, als wäre sie direkt den Gemütern einer von nagender Zukunftsangst wie unendlich optimistischer Hoffnung geprägten Generation entsprungen.

So kommentiert er ohne Zeigefinger in "Spieglein, Spieglein" die in Subszenen institutionalisierte, als Perspektive missverstandene Antriebslosigkeit: "Du bist immer so fixiert, auf das, was noch fehlt / Und jetzt schau nicht so gequält, das sieht scheiße aus". Oder er schwelgt in direkt klingenden, natürlich gesponnenen Balladen wie "Der Blick in deine Augen" und "Wer kann sich schon entscheiden?", einer Hommage an einen verdammt coolen Cowboy, der stets auf der Suche nach was Besserem ist "und einer Liebe, die mir steht".

Dabei hat der 32-jährige gebürtige Wiesbadener der Melancholie keineswegs abgeschworen. Doch er erfindet sie mit seiner fein ziselierten Kunst durch textlichen Anspruch, Angemessenheit und klassisches Arrangement neu und entlässt sie in Form von Titeln wie "Ich bin ein Freund von Klischees und funkelnden Sternen", "So seltsam durch die Nacht" oder "Morsches Holz" leichtfüßig ins verzückte Publikum. zu Knyphausen klingt live organischer und eindringlicher als auf seinen Alben "Gisbert zu Knyphausen" und "Hurra! Hurra! So nicht". Und seine Texte lösen Stimmungen aus zwischen Melos, Humor und kultiviertem Selbstmitleid.

Was die Worte nicht sagen, raunt, zwinkert, schmettert die Musik mit zahlreichen Facetten zwischen Brechtballade, Kirmesheuler, Chanson und mal lässigem, mal sattem Indierock. Pfiffige Arrangements für zwei Gitarren, Wurlitzer-Piano, Bass, Schlagzeug und vor allem Gisbert zu Knyphausens Stimme. Teils absichtlich schnoddrig und ungebügelt, aber stets prägnant, denn im Knyphausen-Kosmos überwiegt der gepflegte Humor, obwohl ihm seit seinem Debüt 2008 Schwermut als Etikett anhängt. Detailsicher bildet er die Banalitäten und Leichtigkeiten des Alltags in unspektakulären Songs ab. Tabus der Independant-Szene und Popversprechen überwindet er dabei wie lästige Hürden. Es ist sein leicht rau anmutender Liedermacher-Gestus, den seine Band mit einer Synthese aus Hamburger Schule und knackigem Indierock ergänzt. So gibt sich das Publikum nach dem mehr als respektablen Konzert erst nach sechs Zugaben zufrieden.


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Autor: JÜRGEN SPIESS | 09.02.2012

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