Aufklärung für Flüchtlinge leisten

Flüchtlinge aus dem arabischen Raum über Sexualität und HIV aufzuklären ist keine leichte Aufgabe, betont Gitta Rosenkranz. Dennoch will die Aids-Hilfe sich im Kreis Reutlingen dieser Aufgabe stellen.

NORBERT LEISTER |

"Eigentlich ist Aids ein Grund, um in Deutschland bleiben zu können - wenn die Behandlung im Herkunftsland nicht gewährleistet ist", sagt Gitta Rosenkranz. Aber ist es nicht skandalös, dass in Bayern jeder einzelne Flüchtling ohne Wissen auf das HIV-Virus getestet wurde, fragt die Fachfrau der Aids-Hilfe Tübingen-Reutlingen. Das sei so lange praktiziert worden, bis die Anzahl der flüchtenden Menschen zu groß wurde. Getestet wurde aber nicht etwa, um die kranken Menschen hier in Deutschland bestmöglich behandeln zu können - im Gegenteil.

Die Aids-Hilfe geht da ganz andere Wege: Die Idee, Flüchtlinge aufzuklären, ist schon vor einigen Jahren geboren worden. Konkreter wurde der Gedanke, nachdem Asylbewerber mit dem HIV-Virus in der Region ankamen. "Die besondere Herausforderung liegt darin, die Betroffenen mit ihren migrantentypischen Problemen an die medizinische Versorgung heranzuführen, sie zu begleiten und Nachsorge zu betreiben", betont Gitta Rosenkranz. Zudem sollten Flüchtlinge und Betreuer in den Unterkünften geschult und informiert werden - zu Letzteren zählen sowohl die haupt- und ehrenamtlichen Kräfte wie auch Hausmeister und Security-Mitarbeiter.

In Tübingen sind Mitarbeiter der Aids-Hilfe bereits in Wohngruppen von minderjährigen unbegleiteten Flüchtlingen gegangen und haben dort die Jugendlichen informiert. "Die Jungs sind sehr wissbegierig, sie haben schließlich keine Ahnung, wie man in Deutschland mit Sexualität umgeht", erzählt Gitta Rosenkranz von der Aids-Hilfe Tübingen-Reutlingen. "Junge Flüchtlinge wollen doch hierbleiben, für sie ist aber alles fremd und seltsam", betont die Sozialpädagogin. "Bei allen Sorgen um die eigene Familie in der Heimat und um die Anerkennung als Flüchtling interessieren sich die Jugendlichen doch auch sehr dafür, wie sie hier junge Frauen ansprechen können."

Grundsätzlich sei es aber alles andere als einfach, mit Flüchtlingen aus dem arabischen oder auch afrikanischen Raum über Sexualität und über die Gefahren von HIV zu sprechen. Dennoch wird die Aids-Hilfe demnächst das Thema auch in Reutlingen anpacken: "Wir nehmen in den kommenden Wochen Kontakt zu Jugendämtern und offiziellen Stellen auf."

Allerdings wollen die haupt- und ehrenamtlichen Helfer der Aids-Hilfe nicht nur die jungen Asylbewerber informieren und beraten, sondern auch die älteren: "Wir werden in Flüchtlingsunterkünfte gehen", sagt Rosenkranz. Die Vorgehensweise sei dort aber noch schwieriger: "Wir sagen, dass wir von einer nichtstaatlichen Organisation für sexuelle Gesundheit kommen", berichtet sie. Um die Informationen weiterzutragen war anfangs daran gedacht, "key persons", also Schlüsselpersonen aus den jeweiligen Ländern zu finden, sie zu schulen und als Multiplikatoren einzusetzen. "Die Erfahrungen in Tübingen zeigen aber, dass das nicht funktioniert." Die "key persons" stünden dann in der Gefahr, dass sie selbst als HIV-positiv oder als homosexuell angesehen werden könnten. Und lesbisch oder schwul zu sein, werde in vielen Herkunftsländern vor allem in Afrika geahndet - "wenn sich ein Homosexueller in Uganda outen würde, wäre er gleich im Knast", betont Rosenkranz.

Vom Spendenparlament erhielt die Aids-Hilfe Tübingen-Reutlingen im November Fördergelder für das Projekt der Aufklärung und Prävention im Flüchtlingsbereich. "Das sind Gelder, mit denen wir Sachkosten und Aufwandsentschädigungen für unsere ehrenamtlichen Mitarbeiter finanzieren können", berichtet die hauptamtliche Aids-Hilfe-Fachfrau. Eine ehrenamtliche Präventionsarbeitsgruppe gebe es bei der Aids-Hilfe im Übrigen schon seit mehr als 20 Jahren, "einige unter ihnen sind selbst Sozialarbeiter".

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