Aufeinander zugehen
Eningen. Auf dem Podium saßen am Dienstag nur Eninger - mit und ohne Migrationshintergrund. Um das Zusammenleben miteinander zu verbessern, "müssen wir miteinander reden", lautete das Fazit der Runde.
Zahlreiche Menschen leben in Eningen schon in der dritten oder gar vierten Generation mit dem so genannten "Migrationshintergrund". Ugur Aktas etwa fragte am Dienstagabend in die Runde von knapp 60 interessierten Zuhörern: "Wann ist man Deutscher - wenn man einen deutschen Pass hat, wenn man deutsch aussieht oder wenn man die deutsche Sprache spricht?"
Der 23-jährige Bürokaufmann ist in Eningen aufgewachsen und fühlt sich als Eninger. "Ich bin doch hier geboren, ich habe die gleiche Bildung wie die Deutschen, habe zwölf Jahre hier im Verein Fußball gespielt - ich muss mich doch nicht integrieren", betont er.
Dennoch sei ihm klar, dass "Kinder mit Migrationshintergrund" besser gefördert werden müssten. "Weil in den Familien nicht deutsch gesprochen wird, weil kein deutsches Fernsehen läuft, keine deutschen Bücher gelesen werden", so Aktas.
Warum das so ist? "Das Problem liegt in der ersten Generation, die hierher kam." Damals hätten die Menschen immer gedacht, sie würden wieder in ihre Heimat zurückgehen. Heute leben schon ihre Enkel und Urenkel in Eningen.
"Hier sind wir die Türken, in der Türkei die Deutschen", sagt Lale Yildiz. Die 27-Jährige ist studierte Juristin und hat die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen. "Wenn ich hier lebe, will ich auch hier wählen können und die anderen Rechte haben", sagt sie. Wo ihre Heimat ist? Vielleicht gelte für Menschen mit ihrem Hintergrund eine Mehrzahl des Begriffs Heimat.
Ähnlich sieht das auch Ivica Petrovic, 36-jähriger Diplom-Ingenieur und Projektleiter bei Bosch: Er fühle sich sowohl in Kroatien wie in Eningen wohl, aber: "Heimat ist für mich da, wo meine Familie ist." Ziad Ali Hassan kam 2001 als 18-Jähriger ganz allein als Flüchtling aus dem Irak nach Deutschland. Seitdem hat er immer hier gearbeitet, allerdings kommt er jetzt beruflich nicht weiter, weil sein Asylantrag zunächst zwar anerkannt, dann aber wiederrufen wurde. Somit weiß er nie, ob er nicht abgeschoben werden kann. "Ich bin heimatlos", sagt er.
"Es ist nicht einfach, ein gutes Miteinander zu finden", hatte Dekan Robert Widmann in den ökumenischen Abend der evangelischen, katholischen und evangelisch-methodistischen Kirchengemeinden Eningen eingeleitet. "Was kann man tun gegen die Spannungen zwischen unterschiedlichen Kulturen", fragte Moderator Klaus Barwig, Studienleiter an der Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart. "Wir müssen nur miteinander reden", sagt Ugur Aktas. Ein Fest der Kulturen schlägt Mustafa Cakmakci vor.
"Auf beiden Seiten bestehen Vorurteile", sagt Ursel Wünsche, die als Erzieherin schon viele Migrantenkinder betreut hatte. Das Wichtigste sei dabei immer gewesen: Die Kinder müssten sich angenommen fühlen. "Andere Kulturen sind für uns eine Bereicherung", betont Gisela Astfalk. "Wir müssen nur aufeinander zugehen."
Ähnlich sehen das auch die Jugendlichen auf dem Podium, Kraftfahrzeug-Mechatroniker Fatih Sarac etwa betont: "Wir sind alle Eninger." Aktas ging einen Schritt weiter: "Wir lieben Sie, lieben Sie auch uns", sagte er und erntete zustimmendes Lachen.
Der Wunsch von Ivica Petrovic für die Zukunft: "Jeder Einzelne sollte sich überlegen, was verstehe ich unter Integration."
Nach einem anschließenden Rollentausch müsse man sich dann fragen: "Würde ich mir selbst das antun?" Das Fazit der Runde lautete aber eindeutig: "Wir sollten mehr aufeinander zugehen", betonte Ugur Aktas.
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Autor: NORBERT LEISTER | 11.03.2010
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Auf beiden Seiten Vorurteile: Podiumsdiskussion in Eningen zur Frage der Kulturen. Foto: Norbert Leister
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